Klaus Knoll

Literarische Autoethnografie

„Komm Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast!“ Peter hält den Atem an. Ganz ruhig muss es sein. Kein Kichern und kein Sesselrücken darf vernehmbar sein, kein Flüstern und schon gar kein Glucksen oder Prusten. Wenn die Andacht nicht tief genug ist, verhängt der Präfekt wieder Stillschweigen bis zum Abendgebet.

Roman

Mallbergfragmente

21.8.2012 Was will ich? Vergeltung? Mitleid? Einsicht schaffen? Beim Täter? Beim Opfer? Jan Philipp Reemtsma: Das Opfer muss vom Täter fern gehalten werden. Sein Rachebedürfnis darf nicht bedient werden, weil sonst das Recht gleich wieder aus dem Lot ist. Mein Besuch bei G.: Rache durch und durch. Feiner halt, nicht die Faust ins Gesicht, bloß ein paar Wörter ins Herz.

Essays

Geknöch

Mit einem Jahr entwickle ich einen Schatten auf der Lunge. Oder mit einem halben. Vielleicht auch mit achtzehn Monaten. Die Mutter kann sich vor lauter Schuldgefühl nicht mehr erinnern, weiß nur noch, dass ich dort sprechen lerne, dass ich sie mit Schwester anrede, als ich ein halbes Jahr später vom Kinderspital nach Hause komm.

Wie kommt der Mensch im Paradies zu einem Haus? Als Normalverdiener gar nicht, weil nichts, was den Titel menschliche Behausung verdient, unter einer Million zu haben ist. Außer im Internet. Dort kostet das Einfamilienhaus in ländlicher Umgebung bloß dreihunderttausend, stellt sich aber bei der Besichtigung als Geräteschuppen ohne Straßenanbindung heraus.

Kurze & Kürzeste

Zuletzt

Der Geruch aus dem Steffl war’s. So frisch, ganz Unschuld und nichts als Anfang, Ahnen, Rauschen. Ich hinein, nur diesen Duft atmen, blieb stehen bei den Jeans, bis ich bemerkte, dass die parfümiert sind. Da war’s gleich aus mit der Romantik. Beim Hinausgehen hab ich dem Bettler meinen letzten Doppeleuro[...]

Essays

Was bleibt

“Gambatte!” ruf ich der Kaffeemaschine zu, wenn sie stottern beginnt: “Streng dich an!” Das ist fast echt und ganz ohne Nachdenken gesagt. Ganz echt ist meinem Leben gar nichts mehr, weil ich seit Japan weiß, dass alles, ich mein: echt alles, auch anders sein könnte, und dass das, was ich[...]

Mitte der Achtziger und noch ganz im Studium der Publizistik und Literaturwissenschaft befangen verliebte ich mich, “unsterblich” wie meine Mutter gerne sagt, in die Fotografie. Das hatte hauptsächlich damit zu tun, dass meine erste Wahl, die Literatur, mich verschmäht hatte. Seit ich vierzehn gewesen war, hatte ich Schriftsteller werden wollen,[...]

Nach acht Jahren Jesuiteninternat studierte ich Literaturwissenschaft, Publizistik und Fotografie in Salzburg, Wien und Montpelier, Vermont. 1986 erhielt ich den Literaturförderpreis des Landes Oberösterreich für das Projekt eines Internatsromans, den ich jedoch nicht und nicht zu Ende bringen konnte. Ende der Neunziger war ich als Lektor am germanistischen Institut der[...]

Essays

Brief an den Täter

Warum ich Ihnen schreibe? Mich zu behaupten gegen den Anschlag auf mich, mein Leben, meine Seele. Ich will, dass Sie wissen, dass ich überlebt habe, wirklich überlebt. Dass ich nicht als der nächste Fritzl durchs Land renn und meinen Wohnzimmerboden aufstemm

Café Fingerlos, Salzburg: Die besser gestellte Dame mit weißem Schäfer, ein Prachtexemplar von Hund mit dem Gehabe jener Königlichen Hoheit, als die er sein Lebtag behandelt worden ist, begutachtet die Kuchen in der Vitrine, reibt ihrem hechelnden Liebling die Ohren. “Fuß jetzt. Sitz! Brav.” Die Oma wurstelt sich mit ihrem[...]