Klaus Knoll

Literarische Autoethnografie

Paradiesberichte

Baustellenidyll

Idyll n. ‘Bild des einfachen, beschaulichen Lebens
in ländlicher Abgeschiedenheit’, (…) aus lat. īdyllium,
griech. 
eidýllion (εἰδύλλιον) ‘Bildchen, kleineres Gedicht,
bes. mit Szenen aus dem Land- und Hirtenleben’, …

— Etymologisches Wörterbuch nach Pfeifer auf www.dwds.de

Wie kommt der Mensch im Paradies zu einem Haus? Als Normalverdiener gar nicht, weil nichts, was den Titel menschliche Behausung verdient, unter einer Million zu haben ist. Außer im Internet. Dort kostet das Einfamilienhaus in ländlicher Umgebung bloß dreihunderttausend, stellt sich aber bei der Besichtigung als Geräteschuppen ohne Straßenanbindung heraus. Und nach Honolulu sind es nicht zwanzig Minuten sondern vierzig. So blöd sind wir nicht, also nicht mehr. Wir leben ja schon sieben Jahre hier. Nach zwei Jahren Suche schlagen wir zu. Sonderangebot, was für Bastler. Das kriegen wir hin. Zuerst müssen wir die Bruchbude soweit frisieren, dass uns die Bank darauf Kredit gibt. Nach einem Monat haben wir die Hypothek. Dann wird alles abgerissen: Termiten. Wir leben im Zelt auf dem Balkon. Im Paradies ist das kein Problem.

Blick aus dem Autorenzelt

Blick aus dem Autorenzelt

Sechs Monate später. Ich hol die Daunenjacke aus dem Wäschetrockner. Dort steckt alles, was wir an Kleidung sauber halten müssen. Der Rest ist im Auto. Leider kein Landrover, bloß ein Mini. Wenn wir wenigstens noch den Campingbus von der großen Italientour hätten! Der Trick mit dem Wäschetrockner ist trotzdem genial. Typisch Kelly. Die Veranlagung zum Praktischen stammt aus einer Kindheit, in der sie mit elf die Habseligkeiten der beiden jüngeren Schwestern zusammen mit den eigenen unter den Augen der ständig angedudelten Mutter per penny saver verkauft, ratzeputz, bis zum letzten Bilderbuch der kleinen Sandy, dann den Vater am anderen Ende des Kontinents anruft: “Hol uns hier raus!” Der schickt drei Tickets für den Greyhound. Zu seiner Schwester nach San Diego. Für die Kinder hat er keine Verwendung im neuen Leben.

Zu Beginn der Regenzeit ist unser Haus immer noch unbetretbar. Die Termiten haben ganze Arbeit geleistet. Neben Dach und Wänden haben sie auch die Bodenbalken vertilgt. Der Parkett darüber war den Feinspitzen zu hart. Drum hat niemand was bemerkt, nicht einmal der von der Bank eingeflogene und von uns zu bezahlende Doktor der Termitologie bei der staatlich vorgeschriebenen Inspektion.

Wir verlegen also unseren Arbeitsplatz in die Shopping Mall. Kahala liegt in der Trockenzone und bietet alles, was wir brauchen: mehrere Futtertankstellen, zwei Kaffeehäuser, luxuriöse Toiletten, gratis Internet. Der Kahala Bio-Supermarkt ist eine Klasse für sich: Tomaten? Konventionell aus Kalifornien, biologisch aus Mexico oder locally grown von Maui? Whole Foods hat schon seit 10 Jahren seine eigene Bio-Marke. Bei meinem ersten Besuch in New York vor rund fünfzehn Jahren wären mir fast die Glupschaugen aus dem Mostschädel gerutscht: sustainable salmon, responsibly farmed shrimp und organic bison, Kreaturen, die bis heute unbekannt sind in Kakanien. Nach einer Woche Whole Foods zeigt jedoch der schrumpfende Umfang der Jeans, dass das Biofutter grad so kalorienschwanger ist wie das übrige fast food.

In der Bio Plaza erledigen Kelly und ich die Adminsitration für den Masterstudiengang, den wir seit sechs Jahren leiten. Wer hat seine Beurteilung noch nicht verfasst, wer ist wirklich in der Lage, den Studierenden den Weg zu weisen zu einer nachhaltigen künstlerischen Praxis, was bedeutet nachhaltig, wen wollen wir im nächsten Sommer unterrichten lassen? Das ist nicht immer einfach und die Zahl der Ablenkungen ist Legion. Es beginnt beim Flugverkehr. Infolge der Brotkrümeldichte und wohl auch wegen der äußerst leckeren Pizzabrösel ist der Platz vor dem Bio-Supermarkt von Spatzen und Tauben belagert. Die Spatzen geben die besten Luftakrobaten und benehmen sich, als wären sie Kolibris. Sie hängen kopfüber von den Sonnenschirmen, stehen mitten im Flug mit heftigem Flügelschlag helikopterartig still oder stürzen sich als Kamikaze vom Dach in die Tiefe. Nur rückwärts fliegen können sie nicht. Wie man inmitten dieser Flugshow eine intelligente Email schreibt, weiß ich nicht.

Am vierten Tag lassen sich zwei Obdachlose an einem der Holztische entlang der Glasfront nieder. Er, bärtig und dreckig, trötet mit Blick nach unten Singsang in ein imaginäres Mikrofon. Seine Begleiterin, die entführte Zeitungserbin Angela Hart, drahtig, ausgeprägtes Kinn, schwarzer Wuschelkopf, hält eine Ansprache: „Wir werden ausgebeutet, wir müssen uns zusammenschließen gegen die Gewerkschaften. Die Gewerkschaften sind alle unterwandert von den Wiedergeborenen Christen. Wir müssen aufpassen, der Zug kommt, da ist er schon, aufgepasst Leute, der Bus fährt ab!“ So geht das halbe Stunden lang unterbrechungslos dahin. Dann versinkt sie in einen Minutenschlaf, aus dem sie schreiend aufschreckt. „Normal würd ich mehr Mitleid haben, aber heute macht mich das fertig“, sagt Kelly, die keinen klaren Gedanken fassen kann vor der Nachrichtenkulisse. Mir macht es weniger. Nur kurz denk ich an den sehr ordentlich gekleideten Büroangestellten in Salzburg, der in der Münzgasse Flugblätter verteilte, auf denen er beschrieb, wie er von Aliens entführt wurde, die ihm einen Gedankensender ins Gehirn operiert haben und einen Akku in den Bauch. Der Sender überträgt jeden Hirnfurz direkt in die EU-Zentrale nach Brüssel. So regieren die Aliens die Welt, seit Jahren schon. Er hat’s als Einziger herausgefunden. Den Bauchnabel wollte er auch auf doppelte Nachfrage nicht herzeigen, die Operation musste man ihm schon glauben. Eine fünf Zentimeter lange Narbe wäre zu sehen, “leider auf’m Arsch, weil die ham das von hinten gemacht!” Das ist zwar alles sehr lustig und traurig, aber unserem Transart Institute hilft es weder auf englisch noch auf deutsch. Wir siedeln. Das können wir am besten. Zwei Tische weiter. Hilft nix, der Alien Channel kommt voll durch. Noch zwei. Wieder nix. Da drüben, hinter dem Recycling. Tatsächlich ist es dort akustisch besser, nur leider kein Internet. Weshalb wir uns ins Cafe begeben. Was auch wegen der Batterie schon höchst angesagt ist. Steckdosen gibts nur im Starbucks. Dort aber herrscht ein Luft- und Rededruck, der noch der Mainzer Fastnacht Ehre machen würde. Sogar die Japaner schreien hier. Vermutlich wegen der Rockmusik, die mit Konzertlautstärke das Hintergrundgedudel abgibt. Die meisten finden das cool. Kelly und ich sehen einander nur mitleidig an. Sie hält mir ihren Laptop rüber. Das bedeutet: „Lies mal“. Diskutieren kann man die Emails hier nicht. Ich nicke nur. So erledigen wir das Administrative. Das Strategische müssen wir auf Sonntag verschieben, wenn wir die Baustelle am Berg einen Tag lang wieder für uns haben. Hoffentlich regnet es dann nicht.

In der Woche drauf muss ich mich rasieren.  Das heißt Rasierbeutel finden, hoffen, dass noch Saft ist im Gerät, denn frische Batterien gibts im ganzen Haus nicht und für eine Neuanschaffung fehlt die Zeit. Im Falle erschöpfter Batterien müsste das ganze Unternehmen wieder abgeblasen werden, weil sich der Urwald mit keiner Rasierklinge mehr roden lässt. Das geht aber nicht, weil ich um fünf unseren Lebensretter treffen muss, den neuen Assistenten. Mit ihm muss ich das Wichtigste durchgehen. Im Cafe, weil Kahala shopping mall schaut blöd aus, als ob wir obdachlos wären. Gottseidank hat Coffee Talk ganz gegen seinen Namen eine quiet zone. Dort kann man miteinander flüstern statt sich gegenseitig Betriebsdetails ins Ohr zu brüllen. Steckdosen gibt’s auch. Mein Computer ist mittlerweile so am Hund durch den ständigen Missbrauch der Batterie – immer wieder und noch ein letztes Mal die allerletzten Elektronen herausgeschunden – dass er nur mehr zwanzig Minuten ohne Leine läuft. Wo die Suche beginnen? Das Wort Schublade drängt sich auf. Die Kommode ist neben zwei zerlegbaren Schreibtischen und ebenso vielen Stühlen, das einzige Möbelstück, das wir noch besitzen. Die Schubladen sind heute hinter dem Bett gestapelt. In der Zweitobersten hab ich den Rasierer gestern gesehen. Ich erinnere mich ganz genau. Also hinüber tanzen, verrenken, Zehenspitzen, Fehlanzeige. Die anderen Laden durchsuchen. Weil vermutlich sind die Laden einfach nur umgeschlichtet worden beim Siedeln vom Badezimmer ins Schlafzimmer. Aber nein, das ist schon die Richtige, unverwechselbar auf grund der vielen Rechnungen. So einen Rechnungsberg gibts nur hier, von ein, zwei Ausnahmen abgesehen. Dort sind die Berge aber kleiner, Hügel nachgerade, und ausgabenspezifisch. Büromaterialrechnungen sind in der obersten Lade und das Einkaufsnetz an der Rückseite des Fahrersitzes im Mini ist prall gefüllt mit Lebensmittelrechnungen. Nüchtern betrachtet tut das aber jetzt nichts zur Sache. Ich muss mich rasieren. Die übrigen Reste das Badezimmers lagern zwei Schritte hinter dem großen schwarzen Koffer, den ich noch aus Japan mitgebracht habe. Dort aber auch kein Glück. Endlich, hier in der großen Küchenschachtel! Kurz einschalten, ja das klingt so, als könnt er noch zehn Minuten laufen. Der Nassrasierer ist auch im Sackerl, wunderbar. Zufriedenheit stellt sich ein. Die Produktionsmittel zur Rasur sind gesichert. Spiegel haben wir allerdings schon zwei Monate lang keinen mehr. Davor hatte ich Kellys Schminkspiegel an einen Nagel gehängt. Der ist aber verschwunden. Nicht der Nagel, der Spiegel. Warum sie keinen Ersatz besorgt weiß ich nicht. Ich jedenfalls rasier mich ein bis zwei mal pro Woche auf der Stiege hinterm Haus, wo’s niemand sieht. Rein aus Gewohnheit. Mittlerweile bin ich so abgebrüht, ich könnt mich auch auf der Toilette der Ala Moana Shopping Mall rasieren oder auf dem Klo vom Bauhaus. Genierer hab ich keinen mehr seit dem Monat ohne Toilette. Bei der Baustellenrasur jedenfalls fährt man mit dem Rasierer über die untere Gesichtshälfte, prüft mit den Fingern, wo noch Reste des Originalurwalds stehen, wiederholt die Prozedur bis man nicht mehr mag. Das erste Mal sah ich aus wie Rübezahl, und musste fünfzehn Mal zu Kelly laufen: “Siegst noch was?” Mittlerweile bin ich selbständiger, glaube aber immer noch, dass ihr das Rasurprüfen auf die Nerven geht, obwohl sie bei jeder dritten Inspektion sagt, dass sie urgern in mein Gesicht schaut. Und dann hab ich einen Geistesblitz: Autospiegel! ich rasiere grob hinterm Haus, geh zum Truck und dreh mit beiden Händen den Spiegel nach außen. Hoffentlich bricht der nicht ab! Bei unserem 87er Baujahr wär das kein Wunder. Ich muss mich ein bissl nach vor beugen und in die Hocke gehen. Dann – Triumph der Technik! – seh ich mich selbst. Paar Stoppeln sind noch da. Die aber sind im Lichte das Tages in Sekundenschnelle erledigt.

Autorenzelt in der Regenzeit

Autorenzelt in der Regenzeit

Zu Weihnachten müssen wir zwei Wochen weg. Die Arbeit am Haus geht gottseidank weiter. Wir kommen zurück, voller Hoffnung, dass wir nun endlich einziehen können. Soweit alles gut, bloß der Fußboden ist ein bissl aus den Fugen geraten: eine Gebirgslandschaft aus brasilianischem Hartholz. „Warum hast denn nix gesagt?” verdrehen wir gleichzeitig die Augen zu Edward, unserem Craigslist-Projektleiter. „Ich hab mir eh gedacht, dass der sogenannte Bodenleger keine Ahnung hat, aber ich war oben beschäftigt.” Zwei Tage überlegen wir, ob der Boden überhaupt noch zu retten ist, entscheiden uns dann gegen Rausreißen, Unterboden reparieren, Wasserschutz anbringen und Neuverlegen. Die große Senke in der Mitte kann man aber so und anders nicht lassen. Ein halber Quadratmeter muss raus, Beton giessen, Niveau anheben, einpassen, es dauert zwei Tage. Das Abschleifen der burgundischen Hügel beansprucht eine ganze Woche. Ich bin den Tränen nahe.

Das Badezimmer hingegen, das André in unserer Abwesenheit fertig verfliest hat, sieht vielversprechend aus. Ende der Woche reißt Kelly das Packpapier von Wand und Boden. Wir gaffen: Australischer Granit, zerbröselt und gemahlen, dann zu sehr großen, sehr gleichmäßigen, sehr rechteckigen Fliesen gebacken, mit kleinen, hellgrünen Einsprengseln drin, die noch an den Berg erinnern, von dem der Moonstone kommt. Und dann erst der Boden: tiefschwarz, fast unsichtbar im Kontrast zum bleichen Weiß der Wand. Erst wenn man auf dem Topf sitzt und ein Viereck mal ein paar Minuten studiert hat, sieht man in der Tiefe auch hier den Schatten einer Variation. Wunderbar. Das kann man ja vorher nie wirklich sagen, wie das nachher auf zwölf Quadratmetern Wand aussieht, das eine Fliesenstück, das man gnadenhalber mit nach Hause nehmen durfte, weil einem die Vorstellungskraft mangelt. Das kann ja recht schnell auch ermüdend wirken, wenn die eine Fliese sich verhundertachtzigfacht hat. Weshalb Kelly immer auf die weniger dramatische Version drängt und eigentlich immer recht behält. Durch die Glastür, die wir demnächst einbauen werden, hat man ungehindert Ausblick auf das Dschungelgrün. Derzeit noch etwas zu ungehindert, denn der Wind pfeift durch und weht tellergroße Blätter herein. Man kann sich aber schon gut vorstellen, wie wir’s gemeint haben mit Bauen als Verbindung zur Natur. Und dann erst der Abfluss: nicht eine dieser chrompolierten Scheiben im Boden. “Die gehören doch höchstens in die Abwasch!”‘ sagt Kelly. Wir hingegen haben eine Idee aus dem Hotel Kempinsky in Berlin geborgt: eine fast unsichtbare, halbzentimeter breite Rinne entlang der Wand. Endloses Debattieren wegen Wasserschutz und dass alles dicht ist, die Wandfliesen sind runtergezogen unters Bodenniveau, darunter eine Regenrinne einbetoniert und austariert. Soviel extra Arbeit! Und soviel Überzeugungsarbeit gegen das hawai’ianische Des hauma noch nie so gemacht! Aber es hat sich gelohnt. Sieht aus wie im Architectural Digest, wenn nicht besser. Ausatmen, entspannen, mildes Hochgefühl. Ich dreh das Wasser auf. Bloß so, bloß ein bisschen. Und ganz rasch wieder zu. Die Lache auf dem Boden bewegt sich nicht Richtung Kempinskischer Rinne sondern schnurstracks aufs Schlafzimmer zu.

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