Klaus Knoll

Literarische Autoethnografie

Essays

Brief an den Täter

Vom Opfer zum Überlebenden 

18.3.
Sicher denken Sie nicht so oft an mich. Ich denke derzeit fast jeden Tag an Sie. Sie müssten jetzt an die siebzig sein. Hat das überhaupt noch Sinn, dass ich Ihnen schreibe? Was möchte ich Ihnen sagen? Dass sie in mir und in meinem Leben, wie es sich anschließend entfaltet hat, die allergrößten Verwüstungen angerichtet haben? Dass ich jetzt nach vierzig Jahren Bewässerung und gärtnerischer Bemühung trotzdem auf ein halbes Gemüsebeet schauen kann?

Warum gerade jetzt, fragen Sie. Ich weiß das auch nicht. “Wann, wenn nicht jetzt?”, war einer jener Sätze, die mich bei Christa Wolf so seltsam anrührten. Auch dann noch, als ich das amerikanische when if not now ihres Vorbilds dazugelernt hatte. Das Umgraben in der Vergangenheit, der Versuch, die Schleier abzuziehen. Das hat mich schon damals sehr aufgewühlt. Obwohl ich noch von nichts was wusste. Wann also, wenn nicht jetzt? Wenn Sie tot sind? Ja, das wär Ihnen sicher lieber. Vielleicht schreib ich gerade deshalb genau jetzt, weil Pater H. vor kurzem gestorben ist, mein damaliger Lebensretter. Ich mein das gar nicht metaphorisch, der hat mir wirklich das Leben geretten – und gleichzeitig Sie voll gedeckt dabei. Da hat es mir dann doch einen Stich gegeben. Dass ich ihm das jetzt nicht mehr werde sagen können. Nie niemals nicht.

Dann war da noch “Der Vorleser”, gestern, The Reader, ein Hollywood-Schinken, dass es höher nimmer geht, aber Ralph Fiennes, da waren meine Frau und ich uns einig, hat ein Lächeln wie Norbert, ein Lächeln, das nie spontan und von selbst kommt wie der Sonnenaufgang, sondern eins, das immer bewusst von irgendwo unten hervorgeholt wird, geschoben, geschubst, vom markanten Gesicht ganz abgesehen, ganz wie der Norbert, dem auch Furchtbares passiert ist. Unspeakable ist eine Vokabel, die jetzt öfter auftaucht bei uns. Wir wissen, dass der Norbert auch ein Opfer ist, obwohl keiner von uns beiden jemals auch nur ein Wort mit ihm darüber gesprochen hat. Er selbst macht nicht einmal die vagsten Andeutungen. Innviertel, gleich nach dem Krieg geboren, mehr braucht man da ja auch nicht zu wissen. Weil mit dem nächsten Satz ist es dann schon eine so persönliche Angelegenheit, dass man versinken möchte und nix wie weg, woanders sein. bBloß nicht diese Peinlichkeiten. Es steht ja in jedem Leben soviel herum, warum muss der ausgerechnet mich da mit reinziehen?

20.3.
Herr Magister – Sie verstehen vermutlich, dass ich mir einen sehr geehrten oder gar lieben Herrn nicht abringen kann Ihnen gegenüber. Sie erwarten das wahrscheinlich auch nicht, sind vielleicht bloß froh wenn ihnen keiner von den Zöglingen an die Gurgel geht. Da gäb’s ja mehr als einen und mehr Gründe auch. Wozu das alles? Schuldeinsicht? Da kannst lang warten. Beim Geschworenengericht vielleicht, wenn eine Strafminderung in Aussicht gestellt ist, aber sonst natürlich alles abstreiten und die Autorität heraushängen lassen, wie der Hanswurst von der WIrtschaftsuni beim Hearing, das arme vergewaltigte Schwein. Das ja das seltsamste: Wenn einmal der Groschen gefallen ist. Der Groschen fällt, und von Stund an hat der Betroffene einen sechsten Sinn für wer Opfer ist und wer nicht. Den hätt ich schon früher brauchen können, den sechsten. Da hätt ich mir manches erspart. Aber darum geht’s hier nicht. Es geht nicht darum, wie oft oder wie bös ich später noch und wieder Opfer geworden bin. Es geht darum, dass ich aufgehört habe Opfer zu sein.

Bei Ihnen hat’s nichts zum Aufhören gegeben. Man konnte nicht einmal weglaufen oder eine Scheidung einreichen. Sie hatten ja alle Karten in der Hand. Das uneingeschränkte Vertrauen der Elternschaft, des Herrn Direktors sowieso und der Mitbrüder auch. Sind Sie eigentlich versetzt worden, als der neue Generalpräfekt kam? Oder sind Sie mir tatsächlich so aus den Augen aus dem Sinn gewesen, dass ich Sie nicht mehr bemerkt hab in ihrem Erzieherzimmer, dass ich mich auf einem andern Planeten gesehen hab, sicher vor Ihnen. Sicher? Sicher nicht und sicher auch, dass ich nicht einmal mehr die Gefahr benennen konnte im Jahr darauf, als ich so zerüttet war und fahrig im Studium, dass ich keinen ganzen Satz mehr aufnehmen konnte, die Worte tanzten im Hirn herum, nicht die Buchstaben oder was, nur die Worte machten diesen Ringelreien und am Ende kam immer nix heraus, als was ich eh schon wusste, dass ich nicht ganz richtig bin im Kopf. Das blieb so und ich hab mich folgerichtig schnurstracks vom Internat auf die Couch begeben zur Analyse.

Und da hatten sie ja nocheinmal völlig recht, dass da nichts rauskommen würde bei der Analyse, nicht einmal beim Wilhelm-Reich-geschulten Bioenergetiker. Beim Ex-Theologen sowieso nicht. Später dann hat das allerdings eine unverhergesehene und unvorhersehbare Wendung genommen. Das wollte ich ihnen halt schon noch mitteilen, dass diese Rechnung nicht aufgegangen ist, dass jeder von ihnen vergwaltigte Zögling selber wieder zum Seelenmörder wird und so die Schuld ewig weiter gereicht wird, bis man wieder einmal nichts mehr machen kann, weil sich Ursache und Wirkung endlos fortpflanzen.

Was ist es denn, was diesen Gang der Ereignisse herbeigeführt hat? Meine jetzige Frau ist wesentlich beteiligt, soviel ist klar. Mein bisschen Mut und die Reste von Leben, das ich mir über die Jahre gerettet hab, irgendwie gerettet und meistens verzögert und deshalb kommt alles so spät in meinem Leben. Second level change spielt auch eine Rolle. Daüber müssten wir noch reden. Morgen dann, weil ich ermüde halt schon noch recht schnell bei diesem Thema.

21.3.
Warum ich Ihnen schreibe? Mich zu behaupten gegen den Anschlag auf mich, mein Leben, meine Seele. Ich will, dass Sie wissen, dass ich überlebt habe, wirklich überlebt. Dass ich nicht als der nächste Fritzl durchs Land renn und meinen Wohnzimmerboden aufstemm, mir einen Keller zu graben fürs nächste Opfer. Obwohl ich vemrutlich mehr Verständnis hab für ihn als die meisten. Dass ich es verweigert habe, zielstrebig über Jahrzehnte eine Machtposition auszubauen, um es der Welt heimzuzahlen. Dass ich nach vierzig Jahren Mediation, Vermittlung und internationaler Verständigung ein halbwegs umfassendes Verständnis davon hab, dass Heimzahlen nichts hilft. Und wie sehr es ihnen noch recht geben würde. Sozusagen übers Grab hinaus.

Dass ich überlebt habe, sagt meine Frau, verdanke ich zuallererst und wesentlich der Liebe meiner Mutter. Der starken, klaren, geraden Liebe meiner Mutter. Auch wenn ich an ihr verzweifelt bin, als sie mir nicht glauben wollte. “Das bild’st dir ein!” Bis ich die Einbildung selber geglaubt hab. Dabei ist es dem Opfer schon schon aus neurobiologischen Gründen meist unmöglich, die traumatisierenden Vorgänge klar und detailliert zu erinnern. Traumaforschung war aber in den Sechzigern noch recht am Anfang, besonders im nazischuldbehafteten Österreich, wo das kollektive Auf- und Durcharbeiten traumatisierender Vorgänge halt keine große Geschichte hat, was auch unsere heimliche Bundeshymne sehr schön zum Ausruck bringt: “Glücklich ist, wer vergisst…”

Das Überleben hatte freilich seinen Preis. Vierzig Jahre heimatlos, je ferner je lieber. Schon mit zwanzig wusste ich, dass ich mich in autoritären Systemen nicht aufhalten kann. Dass der Druck so groß wird, dass ich platze. Ich wusste das ganz sicher, auf eine komische Art, so wie man weiss, dass man Hämorrhoiden hat oder ein Magengeschwür. Man weiss das durch beharrliches Wegschauen. So wie ich wusste, was Sie mir angetan haben. An-ge-tan, die Vokabel, die einen noch am meisten vom Täter distanziert. Aber das ist natürlich kompletter Unsinn. Ich hab ja den Täter in mir und (auch wenn’s mich reckt vor Grausen) physisch in mir gehabt. Was hilft’s, dass ich ein Kind war, es macht das Einrennen der Ich-Grenzen höchstens noch endgültiger, erklärt die vierzig Jahre Arbeit, die ich damit hatte, aber das können Sie in der wissenschaftlichen Literatur eh nachlesen.

22.3.
Jetzt hab ich doch, gegen alle ehelichen, therapeutischen und sonstigen Ratschläge, ihre Telefonnummer gewählt. Es hätt mir gleich klar sein können. Der Akzent. Die Schwierigkeiten mit der Wortstellung. Unverkennbar. Aber drei Mal musste ich mir den Text auf dem Anrufbeantworter anhören, bis ich glauben konnte, dass das wirklich Sie sind. Mein Gott, was für ein Würstl! Diese dünne, ängstliche Stimme, das Zögern in jedem Wort, von den Rundlaufschwierigkeiten Ihres Uraltkasettenrekorders noch ins Jenseitige gesteigert. Speaking of which: Was gedenken Sie eigentlich ihrem Herrn Schöpfer zu sagen am Tag des Jüngsten? Zittern? Wehklagen? Ich hab halt nicht anders gekonnt, die Versuchung und so? Wo wir doch beide wissen, und der Herr Schöpfer sicherlich auch, dass es beim sexuellen Missbrauch überhaupt nicht um Sexualität geht, bloss um Agression. Befriedigung niedriger Triebe sagt der Gesetzgeber. Elias Canetti versteht das noch besser als Gericht und Gesetz: Töten um zu Überleben. Erst wenn er seinen Fuß auf die Brust des vor ihm Liegenden setzt, weiss der Herrscher, dass er wirklich lebt, weil jeder aufrecht Stehende eine Bedrohung seines Überlebens ist. Was heißen würde, dass ich jetzt ihre Bedrohung bin. Die lebendige, frei herumspazierende Bedrohung des Systems Schuld, Sühne und Vergebung oder was sich sonst an Schwachsinn zusammengebraut hat in den vielen Jesuitengehirnen, die aus der selbstverschuldeten, tausendjährigen Nacht nicht herausfinden. Und wenn man erst ein mal angefangen hat mit dem Umbringen, da gibt’s natürlich kein Aufhören, weil die Angst, die Angst ist ein Hund.

25.3.
Jetzt weiss ich, was ich wissen möchte von Ihnen. Ganz einfach: Was haben Sie sich dabei gedacht? Er wird es vergessen? Es wird ihm nix ausmachen? Es iss mir wurscht, wenn es ihn umbringt? Ich will ihn kaputt sehen? Wieviel und welche Art Lüge, Vorwand, Verblendung  braucht es, bis ein halbwegs erwachsener Mensch so etwas tut? Bei den Nazis wars klar: die Juden waren keine Menschen, der Rassenfeind, da kann man dreinhauen, wegnehmen, umbringgeen, in dieser Reihenfolge. Die hatten das auch ganz klar drauf, das Instrumentarium der Eskalation, ein bisserl Einschränken zuerst und Enteignen, mit dem Umbringen aber warten, bis zumindest das Einsperren allgemein akzeptierter Brauch ist. Das war ja auch bei Ihnen so, Hosentaschen zuerst, Zuckerlkontrolle, dann Schwanzbegrapschen unter der Dusche, nächtliche Gebetsstunden mit Masturbation, nur die Vergewaltigung kam nicht zum Schluss, die war krönender Beginn, mehr wie zwischen Raubtier und Paarhufer. Dafür wären die Naturgeschichtestunden brauchbar gewesen, über Beutemachen zu reden und Todesschock und die neurologischen Implikationen beim Beutetier und wie die Gazelle das abschüttelt, wenn sie zufällig überlebt. Ihr Beutetier ist aber ein Kind, zehn Jahre alt. Das vergisst man leicht unter Erwachsenen, bei älteren wie uns beiden noch leichter. Das ist – im Moment – das Einzige, was ich wirklich wissen will von Ihnen, ob sie meine Beschädigung beabsichtigt oder bloß “billigend in Kauf genommen” haben. Aber es kommt ja schon wieder nicht mehr drauf an, was sie de facto dazu sagen, weil in Sie hineinschauen kann ich nicht und können Sie selber vermutlich grad so wenig. Wie sollte das auch gehen nach fünfzig Jahren Ordensleben in der Jugendseelsorge? Es muss ja in ihrem Kopf, in ihrer Seele ziemlich wild ausschauen. Wieso hat niemand mit dem Fritzl Mitleid? Was für ein armes Schwein, kann sich denn überhaupt irgendwer vorstellen, wie’s in dem zugeht? Zuging? Wieso interessiert das keinen? Wieso interessiert das immer nur mich? Weil bei der Vergewaltigung das Täter-Ich in das Opfer-Ich hinüberschwappt wie meine selbsernannte Traumatherapeutin gesagt hat?

26.3.
Das Empörendste ist, dass sie so ein Würschtl sind. Man möchte wenigstens von einem Riesen vergewaltigt worden sein, einem übermächtigen, übermännlichen Überwältiger. Was tut man mit so einer Trauerfigur wie der ihrigen? In ihrer Stimme höre ich noch vierzig Jahre später, wie hoffnungslos, absolut aussichtslos es Ihnen erschienen sein muss, auf dem Freien Markt eine Sexualpartnerin zu finden, in dem ausländerfeindlichen Grätzel namens Österreich praktisch unmöglich für einen Kategorie-D-Ausländer wie Sie.

Gestern wollt ich Sie noch fragen, was sie sich dabei gedacht haben, wollte meinen Fragefinger in ihren Antwortkörper bohren. Ich fühlte mich überlegen, fantasierte Telefonterror. Aber darum geht’s ja nicht. Es geht darum, dass ich davon weg komme, weg von Ihnen und vom Geschehenen, da ist Honolulu grad weit genug. Hilft aber alles nicht.

Es hat auch nicht geholfen, dass ich den Leuten nicht in die Augen schauen konnte, die ganze Zeit. Sagt sich so leicht, schließt aber drei Ehefrauen mit ein, nur schnell beispielhalber. Wie lebt, liebt, werkt man vierzig Jahre ohne Augenkontakt? Was hätt ich mir alles ersparen können, welche Wahrheiten sind mir entgangen? Vor zwei Jahren hab ich noch innerlich gelacht darüber, wie die Leute von SNAP darauf bestanden, survivor zu sein, nicht victim. Da war ich halt noch nicht so weit.

Morgen meld ich mich an, zum weekend of recovery, dass Sie’s nur wissen. Und einen Scheißdreck werd ich die Klasnic um Geld angehen oder sonst eine dieser Kommissionen, die jetzt überall wie Schwammerl aus dem Boden schießen. Ich zahl mir das selber. Das wär ja noch schöner, wenn sich einer von denen meine Heilung an die ruhmbekleckerten Fahnen heften könnte.

***

Veröffentlicht in: Die Presse, Wien, Feuilleton vom 21.3.2010

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