Klaus Knoll

Literarische Autoethnografie

Kurze & Kürzeste

Die Gaben Gottes

„Komm Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast!“

Peter hält den Atem an. Ganz ruhig muss es sein. Kein Kichern und kein Sesselrücken darf vernehmbar sein, kein Flüstern und schon gar kein Glucksen oder Prusten. Wenn die Andacht nicht tief genug ist, verhängt der Präfekt wieder Stillschweigen bis zum Abendgebet. Oder, wenn der Bruckmüller Heinrich noch einmal im falschen Moment einen fahren lässt, eine Woche Fernsehverbot. Als ob die Unterstufe gemeinsam gefurzt hätte! Bloß weil der Heini zu feig war, sich zu melden.

Der Präfekt wartet, wippt von Zeh auf Ferse und zurück, verschränkt die Arme vor der Brust. „Amen!” ertönt das erlösende Wort, und alle rattern los, während der Präfekt mit den Essensträgern hinaus geht.

„Jetzt!“, sagt Ferdinand und steht auf. Peter springt hoch, nimmt seinen Stuhl und dreht ihn herum. Ferdinand müht sich auf den Tisch. Er ruft „Ruhe!“, streckt den Bauch heraus, wippt von der Ferse auf den Zeh, vor, zurück. Es wird still im Speisesaal. „Komm Herr Präfekt“, sagt Ferdinand, „sei unser Gast und segne die Bescherung.“ Die Unterstufe wiehert. Peter schaut zu.

„Geh, mach den Hitler!“, ruft einer am Tisch. Ferdinand nickt, hält die Luft an bis er krebsrot ist, und brüllt los: „Deutschösterreicher!“ Ein paar Primaner ziehen die Köpfe ein. Die Dritt- und Viertklässler grinsen. Peter schaut zu Ferdinand auf. „Volksgenossen! – - Ändlich! Seid Ihr! – - In Das Teutsche Reich! – - Heimgekärt!“ Das muss bis zum Musiksaal reichen. Mindestens bis zur Küche. Was für eine Pausenkraft! Wie der Ferdinand sich das traut, nicht alles in einer Wurst heraus zu schreien, sondern geordnet und überlegt.

„Äch frage euch! – - seid ihr und äst! – - das teutsche Volk entschlossen – - alles zu geben – - für einen Sieg? über Prambachkirchen!“

„Eh klar! Sowieso! Gegen die g’winnma mit Links!“

„Äch frage euch zweitens! – - seid ihr bäreit!! – - eure ganze Kraft einzusätzen, auch die Wilheringer zu bäsiegen! – - sie komplett fix und foxi zu machen!“

Gejohle. „Wir sind eh stärker. Auswärts gwinnen die nie!“

„Äch frage euch also drittens! – - wollt ihr den totalen Sääg in der Unterstufenliga?!“

Die Volksmassen sind in Ekstase, genau wie im Schulfilm. Nur, dass es die Massen zerreißt vor Lachen. Als die Massen verstummen, dreht Ferdinand sich um. Der Präfekt steht vor ihm: „Herunter da!“ Ferdinand windet sich vom Tisch, setzt sich auf seinen Hintern, streckt die Beine zur Probe nach unten, hüpft die letzten paar Zentimeter.

„Was machst du da oben?“, fragt der Präfekt.

„Ich hab den Krieg erklärt!“, ruft Ferdinand, noch immer in Ekstase. Womit er sich aber grob verschätzt hat, denn der Präfekt ist total gegen den Krieg und knallt ihm eine. Peter kommt mit einem Strafblick davon. Er ist halt doch Cermaks Liebling.

„Ihr dürft die Essensträger ablösen“, sagt der Präfekt. Das bedeutet, dass Ferdinand und Peter auf die Suppe verzichten müssen, dass sie Teller und Töpfe einsammeln, alles in die Küche fahren und von dort die sechs Wagen mit Hauptspeise und Beilage bringen müssen. Erst wenn jeder der achtzehn Tische seine Ration bekommen hat, dürfen auch sie sich wieder setzen. Die besten Stücke sind da natürlich schon weg.

“Ausgerechnet den Hitler! Warum hast nicht den Erzherzog Prinz Eugen gemacht?”, fragt Peter. “Der Prinz Eugen ist kein Erzherzog du Trottel! Der ist bloß Prinz! Und Feldherr! Der Mars ohne Venus, aber das verstehst sowieso nicht. Du liest ja nicht ein mal am Sonntag was freiwillig.”

Es gibt Knödel, Peters Lieblingsspeise. Hoffentlich sind es Grammelknödel. In so einen Knödel kann man ja nicht hineinsehen. Manchmal sind’s bloß Bratknödel. Da sagt dann garantiert wieder einer “Wochenschau!” und Peter muss weghören, damit ihm die Kameraden seine Lieblingsknödel nicht verderben.

Schon beim Austeilen wird Peter klar, dass er heute Glück hat. Grammelduft umzieht seine Nase. Als er endlich wieder sitzen darf, nimmt er sich seine Portion. Zwei weitere Knödel sind noch in der Schüssel, und weil die Kameraden am Tisch jetzt alle mit Fußball beschäftigt sind und ob sie im Heimspiel gegen den Landesmeister Wilhering wirklich gewinnen können, stibitzt er sie. Mit dem Sauerkraut geht er sparsam um. Das nimmt im Magen nur Platz weg. Auch wenn es daheim besser schmeckt als hier, so braucht man doch gerade hier eine Leib- und Magenspeise. Am Tisch gegenüber haben sie sogar noch drei von den Grammelbonbons. Heinrich missdeutet Peters Blick und greift nach der Krautschüssel. „Neinein“, sagt Peter, „die Knödel hätt ich gern, wenn sie bei euch niemand mehr mag.“ Heini grinst. „Fresssack!“ Aber statt ihm die Knödel einfach herüber zu reichen, nimmt er die Schüssel und hält sie jedem an seinem Tisch vor die Nase: „Magst noch?“ Reihum. „Sicher nicht?“ – „Zisch ab mit deine Grammelbombn!“ Erst, als alle an Heinis Tisch gefragt sind und keiner mehr einen Knödel auch nur sehen will, tanzt die Schüssel endlich herüber. Peter schüttet ihren Inhalt auf seinen Teller. Jetzt noch mal fragen wäre Zeitverschwendung.

Er nimmt die unterbrochene Arbeit wieder auf, hört kaum hin, als Ferdinand ihm was von reifer Leistung zuruft. „Vier oder fünf?“ – „Sieben, wenn du’s genau wissen willst! Und jetzt stör mich nicht.“ Kein Kraut mehr, nein danke, und dem Blick des Präfekten weicht er lieber aus. Der wandelt gemächlich durch den Mittelgang. Unter dem Holzkreuz, groß und schmucklos, bleibt er stehen, wendet sich der Klasse zu. Seine Arme lösen sich aus der Verschränkung, er gibt das Zeichen. Die Zöglinge der Unterstufe erheben sich. Peter als letzter. So beschäftigt ist er mit seinen Leib- und Magenknödeln, dass er das Zeichen zwar gesehen, aber nicht richtig wahrgenommen hat. Er fährt in die Höhe, faltet die Hände und schiebt den letzten Bissen, der nun der unumstößlich letzte sein muss, obwohl er noch vier ganze Knödel auf dem Teller hat, unauffällig im Mund hin und her.

„Wir danken dir Herr Jesus Christ, dass du unser Gast gewesen bist.“

Kurze Pause zur Vertiefung der Andacht. Peter unterdrückt den Schluckreflex.

„Amen.“

Während die ersten schon bei der Tür sind, steht der Präfekt plötzlich neben ihm. „Aufessen!“, sagt er. Peter schaut ihn ungläubig an. Eine Verwechslung ist das, ein Glücksfall. Aber gleich wird der Präfekt seinen Irrtum bemerken, dann hat er ausgespeist. „Du bleibst hier solang sitzen, bis dein Teller leer ist, verstanden!“ Aber ganz genau verstanden, nickt Peter stumm und drückt den letzten Teil des vermeintlich letzten Bissens durch die Kehle, bevor er mit leerem Mund ordentlich „Jawohl!“ sagt und seinen Platz wieder einnimmt.

Nur mehr er, der Präfekt und Ferdinand, der systematisch die Tische abräumt. Ein Glück nur, dass er kein Kraut mehr auf dem Teller hat. Kraut wäre eine Plage jetzt. Er hat den zweiten Knödel noch nicht ganz fertig, als Ferdinand schon bei seinem Tisch angelangt ist, ihm den Teller wegziehen will. „Nein, den nicht“, sagt der Präfekt ruhig. Ferdinand macht, dass er weiterkommt.

Peters Appetit lässt nach. Sein Gaumen belehrt ihn, dass eine Sache nicht dieselbe ist, je nachdem, ob man darf oder muss. Er arbeitet trotzdem tüchtig, halbiert mit schnellen Bewegungen die Knödel, halbiert die Hälften, verteilt die Viertel über den Teller, stopft sie ungezählt in sich hinein, erlahmt allmählich über seiner Arbeit. Es sind nicht mehr die selben Knödel, die er jetzt vor sich auf dem Teller liegen hat. Erkaltet verkleben sie den Gaumen. Der Teig ist ganz anders daheim. „Ein Erdäpfelteig“, hat die Mutter gesagt, „das ist viel Arbeit. Im Internat geben sie euch sicher einen Brandteig. Der ist nur aus Mehl und Wasser. Aber für richtig gute Grammelknödel braucht es einen Erdäpfelteig.“

Im Speisesaal ist es kalt und still. Nur das Geräusch von Metall auf Porzellan. Erst als er sich erschöpft zurück lehnt, bemerkt er den Präfekten, der drei Schritte vor ihm steht, ihn unverwandt anschaut, die Arme verschränkt und wippt. Vor, zurück, vor, zurück.

Die Pause, in der er Kraft schöpft und versucht, nicht an den Geschmack in seinem Mund zu denken, nicht an den Mehlteig und nicht daran, wie es daheim wäre, diese Pause dehnt er aus, bis der Präfekt ihr ein Ende setzt: „Du musst lernen“, sagt Cermak, „mit den Gaben Gottes sorgfältiger umzugehen.“ Peter versteht, macht sich wieder an die Arbeit, bei der ihm der Präfekt gleichmütig zusieht. Einen Bissen und noch einen. Da ist er wieder, dieser fade, trockene Geschmack. Kraut wäre ein Segen jetzt, aber die Schüssel ist lang schon weg. Peter hat schon mehr als genug von dem Mehlpapp, der einmal sein Leib- und Magenmehlpapp gewesen ist. Einen Bissen. Und noch einen. Den nächsten taucht er in den letzten Rest Krautwasser. Das hilft auch nicht viel.

Durch den runden Ausschnitt des Turmfensters sieht er die Stadt wie durch ein umgedrehtes Fernrohr, die Domspitze und ein paar Häuser jenseits des Flusses. Die Holzstreben bilden ein Kreuz, und wenn er das linke Auge zudrückt, ist es ein Zielfernrohr und der Dom bekommt einen Grammelbombenvolltreffer ab. Da würgt es ihn, und er sagt, so laut er sich’s getraut: „Herr Präfekt, ich glaub, mir wird schlecht.“

„Du sollst die Gaben Gottes nicht verunehren“, sagt der Präfekt. „In der Mission sind sie dem Herrn dankbar für jede Schale Reis.“

Peter versteht, nimmt die Gabel fester in die Hand. Warum schicken sie die Knödel nicht in die Mission? Aber wahrscheinlich mögen sie die dort auch nicht, wegen dem Brandteig. Plötzlich steigt es in ihm auf. Er versucht, es unten zu halten, springt vom Stuhl, zu spät. Er übergibt sich auf den Teller. Hat die Bescherung grün und braun vor Augen. Kann nicht wegsehen. Es steigt wieder. Die Speiseröhre krampft, der Magen ist in Aufruhr. Peter kann den Blick nicht lassen von den drei Knödelvierteln zwischen Halbverdautem. Was für ein grausliches Gemälde aus ihm heraus gekommen ist! Er übergibt sich ein drittes Mal. Ein stechender Schmerz überflutet Brust und Hals. Der Magen zuckt. Wozu das alles? Wozu die Mission? Wozu das Dankgebet? Wozu ein Internat? Essen wird er nie wieder was, am allerwenigsten eine Leib- und Magenspeise. Er hält sich an der Tischplatte fest, den Blick fest auf der Stelle, an der zuletzt die Krautschüssel stand, und versucht, nicht daran zu denken, wie das Kraut jetzt ausschaut in seinem Magen, kämpft langsam das Grausen nieder, hebt endlich den Blick. Der Präfekt ist ein wenig zurückgetreten: „Aufessen!“, sagt er.

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