Klaus Knoll

Literarische Autoethnografie

Japanbriefe

Fuzzy logic

In theory there is no difference between theory and practice. In practice there is.
A. Einstein, J.L.A. van de Snepscheut und/oder Yogi Berra, je nach Quelle

 

Der Entdecker der fuzzy logic war ein radfahrender Japaner, oder genauer gesagt, ein Beobachter japanischer Radfahrer, denn solange ein Japaner auf dem Fahrrad sitzt, kann er weder etwas beobachten noch entdecken, da er sich in tiefer Trance befindet, einem Zustand, der sich am ehesten noch mit den Geisterfahrten eines sibirischen Schamanen vergleichen lässt, der zu diesem Behufe freilich erst mehrere Fliegenpilze zu sich nehmen muss. Die hiesigen Radfahrer sind aber sicher keine Fliegenpilzfresser, eher schon Valium-Zombies, wenn man unbedingt einen pharmakologischen Anhaltspunkt braucht.

Nun aber zur Sache. Die Szene kennt jeder: Man marschiert auf dem Gehsteig friedlich vor sich hin, biegt ein Besoffener um die Ecke und schlendert genau auf einen zu. Man bewegt sich ein bissl nach links, der Besoffene ein bissl nach rechts, wieder Kollisionskurs, also zurück nach Mitte, er tut nix, man geht folgerichtig weiter nach rechts, aber da zieht er plötzlich nach, neigt obendrein noch zum Überkorrigieren, gleich wird er die Hauswand streifen. In der Zwischenzeit ist man selber auf Mittelkurs gegangen, während der Besoffene statt in die Hauswand zu krachen mit einem nachgerade eleganten Schlenkerer im letzten Moment. ausgewichen ist. Wie er das macht in seinem Zustand ist einem zutiefst unklar, bis man der fuzzy logic der japanischen Radfahrer begegnet.

Dort ist alles gleich, nur dass man sich nicht mehr fürchtet, weil man eh schon so viel falsch gemacht hat in den fünf Monaten, die man mittlerweile im Land der aufgehenden Sonne verbracht hat, dass alles wurscht ist.

Trotzdem bedeutet der Anblick eines Radfahrers  auf meiner Seite des Gehsteigs grundsätzlich Alarmstufe rot. Zum Beispiel im Häuserblock gleich vor der Uni. Ich seh ihn schon an der Ecke. Der junge Mann aber ist so damit beschäftigt, die Herrschaft über seine schlingernde Untertasse zu behalten, dass er mich wahrscheinlich noch gar nicht bemerkt hat. Ich hab ihn aber schon seit fünf langen Sekunden im Auge. Außerdem sind es nur noch sieben, acht Meter bis zum unvermeidlichen Zusammenstoß. Während ich äußerlich noch ganz ruhig bin, läuft mein Navigationscomputer auf Hochtouren. Den Radfahrer lässt das alles kalt. Er weiß ja noch nicht einmal, dass ich mich jeden Tag achthundertvierzigmal darüber ärgere, dass meine lieben Gastgeber nicht bloß absichtlich auf dem Geshsteig fahren, sondern sich darüberhinaus ganz und gar hirnlos auf dem an sich den Fußgängern vorbhealtenen Teil der Straße dahinwurschteln, und dem ersten, der mich anrempelt, werd ich eine Fotzen verpassen, die sich gewaschen hat. Aber dieser hier wird nicht der Erste sein, oder vielleicht doch, seine Chancen auf einen geharnischten oberösterreichischen Fluch aus nächster Nähe, den er höchstens als Hustenanfall interpretieren kann, nicht aber als menschliche Äußerung, stehen plötzlich wieder sehr gut. Er weiß überhaupt nicht, was er tut. Blicklos starrt er in die Ferne, während ich einen Fred Astaire aufs Pflaster lege, der sich gewaschen hat. Zwei Meter, eineinhalb, eine Fahrradlänge, aus. Aber da ist er aus den Weiten der sibirischen Steppe zurückgekehrt und hat mit traumwandlerischer Sicherheit im letzten Augenblick ein bissl an der Balance gerissen und hat es wieder einmal gerade noch geschafft.

Der größte denkbare Kontrast zu dieser unwürdigen Szene ist die Begegnung zweier japanischer Radfahrer auf dem Gehsteig. Und nur dort können sie sich begegnen. Wer sich erdreistet, auf der Straße zu fahren, wird angehupt, dass es eine Freude ist. Leider kommt es in der überangepassten japanischen Provinzgesellschaft nur äußerst selten vor, dass ein Radikalhippie oder Altachtunsechzigerrevoluzzer sich eine derartig massive Regelübertretung zuschulden kommen lässt. Ich glaube nicht, dass ich im ersten Semester hier mehr als zwei Verirrte auf dem Fahrstreifen gesehen hab. “Bravo”, möcht ich ihnen zurufen, “Ausgezeichnet beobachtet! Haarscharf kalkuliert! Bravo, bravissimo! Geh-steig! Fahr-streifen! Exzellent, Nobelpreisverdächtig!” Aber das geht alles im Gehupe unter.

Bei der innerjapanischen Begegnung spielt sich zwar navigatorisch alles ganz genauso ab wie zuvor, es unterbleiben jedoch all die unwürdigen Anzeichen von Nervosität, Angst, Zorn etc. Ein bisschen Zaudern ist erlaubt. Zaudern ist grundsätzlich sehr gut. Es bedeutet, dass man sich nicht so sicher ist, dass man lieber zuerst den Gruppenkonsens eingeholt hätte. Geht halt schlecht auf dem Fahrrad. Also muss man das Zaudern besonders intensiv gestalten. Man hält aufeinander zu, man probiert, linksrum, rechtsherum, mitte-links, rechtsaußen, aber man lässt sich nix anmerken. Nein, man merkt auch nix, wirklich nicht. Außerdem läuft alles in Zeitlupe ab. Man hat unglaublich viel Zeit, allerhand Lösungen auszuprobieren. Und wenns einmal gar nicht mehr geht, bremsen beide, steigen ab, entschuldigen sich wortlos per Verbeugung jeder beim andern, und schieben sich aneinander vorbei. Das Erstaunliche ist nur: es geht eh immer. Aber wie sie das machen, ab wann z.B. links wirklich links bedeutet und nicht nur ein bissl links mit Korrekturmöglichkeit nach mitte oder links-mitte-links, wann aus dem ziemlich links ein ganz links geworden ist oder ein doch lieber zurück zur Mitte, ist mir völlig schleierhaft und würde bei mir vielleicht nicht zur Entwicklung von fuzzy logic führen, sondern zu Schizophrenie. Die Japaner aber haben die fuzzy logic voll drauf, nicht nur auf dem Fahrrad. Golden prangt der Sticker auf jedem Toaster hier, Waschmaschinen sowieso. Wie wir ohne fuzzy logic überhaupt maschinell Wäsche gewaschen haben, damals im dunklen Mittelalter der Moderne, das weiß heute keiner mehr, aber eine brauchbare Waschmaschine kann sich ohne fuzzy logic nicht blicken lassen im Ausstellungsraum. Und der Toast ist auch viel besser, darauf kommen wir noch zu sprechen.

P.S.: Erst heute morgen – nach mehr als einem Jahr Japan – wurde ich Zeuge des statistisch längst Überfälligen: An der Ecke krachen zwei Fahrräder ineinander, die Burschen fliegen, der eine schafft einen regelrechten Salto, humpelt zu seinem Turnschuh, der Unfallgegner, wie das bei uns heißen würde, hält ihm mit Verbeugung den anderen Schuh entgegen, man klaubt die Fahrzeuge auseinander, verbeugt sich dabei etliche Male. Es wird nichteinmal gemurmelt. Oder wenn, dann so leise, dass ich es aus zehn Metern schon nicht mehr hören kann. In einer halben Minute ist alles vorbei. Niemand hat sich auch nur umgedreht. Bloß ich habe wieder mal gegafft als hätte ich eben eine Begegnung mit einem Außerirdischen gehabt.

P.P.S.: Zwei Jahre hat es gedauert, bis sich neulich die Gelegenheit ergab, mich mal auf einem echt japanischen Fahrrad fortzubewegen. Seither ist mir vieles klarer. Der Sattel ist immer auf niedrigste Höhe gestellt, sodass auch ein nur mittelgroßer Japaner beim Treten die Knie bis zur Kinnlade heben muss, der Lenker etwas erhöht und nah am Sitz, was eine überaufrechte, leicht zurückgeneigte Position des Oberkörpers erzwingt, die Ellbogen streckt man bequemerweise etwas zur Seite. Derlei Kleinigkeiten waren mir schon früher gelegentlich aufgefallen, aber welch wundersamer Effekt sich ergibt aus dem Zusammenspiel der verrosteten mechanischen Teile mit der ausgefeilten Rahmengeometrie, das kann niemand ermessen, der nicht selbst so ein Gefährt bestiegen hat. Dazu kommt ein Leergewicht von etwa 25 bis 30 Kilo, also ein Mehrfaches dessen, was ein Ausländer gewohnt ist. Man steigt auf, nein nein, man rutscht ohne das Gesäß zu heben ein bissl rüber, ergreift den Lenker, tritt aufs Pedal – und erbleicht. Nichts bewegt sich. Reaktionsschnelle Naturen wie ich bekommen gerade noch rechtzeitig einen Fuß wieder auf die Straße, bevor die Karosse sich gefährlich neigt und mit Harley-Davidsonschem Kraftaufwand abgefangen werden muss. Nur unter Einsatz meines gesamten Körpergewichts ist das Ding von der Stelle zu bewegen. Wenn man es dann endlich in Bewegung versetzt hat, dauert es freilich nicht lange, bis man wieder erbleicht. Unerbittlich sind die Gesetze der Massenträgheit, und meine Hochachtung vor den schmetterlingshaft zarten Wesen, die diese zweirädrigen Lokomotiven durch dichtes Fußgängergewühl steuern, ja im Notfall sogar in Minutenschnelle zum Stehen bringen können, ist seit meiner Ausfahrt grenzenlos. Das Allerseltsamste sind aber die psychischen Veränderungen, die in mir vorgingen und die ich samt und sonders dem rollenden Material zuschreiben muss. Ich habe Zustände erreicht auf dieser Fahrt, wie sie mir keine halluzinogene Substanz je verschaffen konnte. Nach wenigen Minuten war ich mit mir und der Welt vollkommen zufrieden, begriff augenblicks, dass meine übliche Hast mich auf diesem gummibereiften Panzer nur in den Wahnsinn treiben kann, lehnte mich zurück, die Sonne schien mir ins Gesicht, was ein Tag! So gings dahin, Mit der Welt gings, mit uns zweien, diese Zeile fiel mir wieder ein und das ferne Wochenende, an dem ich das magische Gedicht Paul Celans auswendig gelernt hatte und die Workshopleiterin, die derlei seltsame Aufgaben gern vergab und gleich war ich im schönsten Traum, kam vom Hundertsten ins Tausendste und war im Handumdrehen zuhaus. Erst ein beiläufiger Blick auf die Uhr belehrte mich, dass meine Studenten schon einige Zeit auf mich warten mussten. Es wird sie nicht so hart ankommen, dachte ich mir, wuchtete den zweirädrigen Panzer auf seinen Ständer und begab mich zum Unterricht.

In: Die Rampe, Hefte für Literatur 4/2011. Linz.

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