Klaus Knoll

Literarische Autoethnografie

Essays

Geknöch

Mit einem Jahr entwickle ich einen Schatten auf der Lunge. Oder mit einem halben. Vielleicht auch mit achtzehn Monaten. Die Mutter kann sich vor lauter Schuldgefühl nicht mehr erinnern, weiß nur noch, dass ich dort sprechen lerne, dass ich sie mit Schwester anrede, als ich ein halbes Jahr später vom Kinderspital nach Hause komm.

Die Tuberkulose, die bei mir bloß eine Andeutung ist, hat der Vater aus dem Krieg mitgebracht. Schuld sind die Amis, die ihm Grassuppe gegeben haben statt Essen. Der Mutter nimmt er auf dem Totenbett das Versprechen ab, dass sie mich zu den Jesuiten gibt, damit aus dem Buben was wird.

Folgerichtig stehe ich mit zehn im Klassenzimmer der besten Schule des Landes und studiere die Augen im Speckgesicht des Präfekten, während er Pulte zuteilt, Namen von einer Liste liest. Nach vier Monaten gehöre ich zum Liturgiekreis, nach sechs zu seinen Lieblingen.   Im Mai steckt er mir seinen behaarten Präfektenschwanz in den Mund, dann zwischen die Schenkel, später auch in den Anus. Das geht so vier Jahre. Dann wird er versetzt. In die Jugendseelsorge der Hauptstadt.

Meine Mutter sagt: „Das bild’st dir ein!“ Dabei red ich bloß von den Prügeln. Für das andere hab ich keine Worte. Sie schleppt mich zum Schulpsychologen. Der bestätigt, dass der neusprachliche Zweig des humanistischen Gymnasiums genau meinen Talenten entspricht. Welche das sind, sagt er nicht.

Was in den Präfektenaugen aufleuchtet, wenn die Präfektenhand das Lineal auf den Handrücken schnalzen lässt, wenn sie im Hosensack nach Zuckerln forscht, wenn sie die Festigkeit der Muskeln prüft beim nächtlichen Alleine-Auf-Dem-Gang-Stehen, wenn sie die richtige Zipferlpflege erklärt unter der Dusche, während sie das Zöglingsglied befingert, was da aufblitzt in den traurig dunklen Augen beim Zuschlagen, Anfassen, Ausgreifen, veranlasst mich, die meinen niederzuschlagen für immer.

Als ich mit achtzehn in Salzburg das Studium der Germanistik aufnehme, weiß ich von den Vorgängen im Internat nichts mehr. Ein Schatten ist noch da und der Wunsch, Schriftsteller zu werden, der dann gleich im ersten Semester vor die Hunde geht, wenn die Oberassistentin uns Junghirschen erklärt, dass die Germanistik bitte kein Dichtertraining ist, sondern ein Denk- und Analysestudium. „Ja, aber der Innerhofer!“, ruf ich. Allerdings stimmlos, damit ich nicht als zudringlicher Anfängerdichter auffall und gleich am Anfang meine Noten ruinier. Erst viel später erfahre ich, dass der Innerhofer sein Salzburger Denk- und Analyesestudium gleich wieder abgebrochen hat zugunsten des Schreibens, weil auf der Uni nie was geworden wäre aus der Schattseite, da wir Germanisten bei aller Analyse der gesellschaftlichen und sonstigen Verhältnisse halt immer stramm von uns selber wegschauen in bester Wissenschaftstradition.

Wie es dann trotzdem dazu kommt, dass ich 1984 mit zehn Fotokopien meines Internatsromans in jener Reisetasche, mit der ich sonst immer meiner Mutter die Schmutzwäsche nach Hause bring, auf der Frankfurter Buchmesse herum stehe, weiß ich heute nicht mehr genau. Italien spielt eine Rolle und das geile Kopfweh einer rothaarigen Therapeutin. Das Interesse der Verlage ist mäßig. Die haben ja den Innerhofer schon. Und im Roman selber passiert auch nicht viel.

Das ist nicht meine Schuld. Ich kann mich ja an nichts erinnern. Weiß nur, da ist was, das erzählt werden will. Ich habe, da bin ich mir sicher, den Auftrag der Klassengemeinschaft, den Erschütternden Wahrheits- und Erlebnisbericht aus dem Geheimgulag der Jesuiten zu verfassen und hinauszuschmuggeln in die Welt, damit der Samisdat ihn bekannt machen kann über den ganzen Erdball. So wie beim Solschenizyn. Samt Nobelpreis. Aber so viele Nobelpreise haben die nicht in Schweden, dass sie jedem vergewaltigten Kind gleich einen umhängen können.

Ob es wirklich was hilft, möcht ich auch dahin gestellt sein lassen. Besonders jetzt, wo ich den Innerhofer noch nachgeschaut hab auf Wikipedia und das Kreuz gesehen neben seinen Daten. Da hat es mich doch ordentlich gerissen, weil da hilft also nicht einmal der Rauriser Literaturpreis was. Ein Mal Opfer, immer Opfer. Weshalb es natürlich gescheiter gewesen wäre, die Goschen zu halten. Wie die andern auch.

Statt dem Literaturnobelpreis lern ich dann mit siebenundzwanzig Isolde kennen. In deren Tagebuch steht, mit dreißig ist sie nimmer allein. Weshalb sie mich vergewaltigt. Die Meisten finden das abwegig. Wie soll denn das gehen? Es gibt ja nicht einmal was zum Hineinstecken im umgekehrten Fall. Es kommt aber weniger aufs Hineinstecken an als auf die Gewalt, und die geht in meinem Fall so, dass ich Isolde auf dem Markt beim Einkaufen kennen lerne, wo sie sich für Sonntag drauf in meine Studentenbude zum Frühstück einlädt, bei dem wir dann viel über Psychotherapie reden, und weil’s so gut zum Thema passt, lese ich ihr aus meinen Internatsroman vor. Eine Bestrafungsszene. An welchem Punkt sie mir an den Hosenschlitz geht, mein Ding heraus holt, das ordnungsgemäß aber ganz gegen meinen Willen stramm steht, und beginnt, mir einen zu blasen. Die Meisten finden das geil. Unwanted sexual contact sagen die Amis, und das ist dann nicht mehr so geil, mehr traurig. Fast so traurig wie die Tatsache, dass ich Isolde anschließend heirate.

Zur Hochzeit schenkt uns der Schwiegervater eine Eigentumswohnung mit Dachschräge und Balkonblick auf die Alpen. Mein Beitrag besteht im Handwerklichen: Ikea-Küche zusammenschrauben, Vollholzregale kurvig anfräsen und stützenlos in der Wand verankern. Alles sehr apart. Dennoch ist mir der goldene Käfig zu eng. Das äußert sich in zahlreichen Seitensprüngen ebenso wie im Versuch, die von der Steffitant geerbten und mit beträchtlichem Aufwand wiederaufpolierten Jugendstilmöbel umzustellen, damit meine selbstgebauten Lautsprecher besser plaziert werden können. Nach einem Vormittag Keuchen und Schwitzen ist es soweit. Ich lege Jethro Tull auf. In genau der Minute kommt Isolde von der Uni, erkennt die Lage auf einen Blick: “Die Möbel zurück!” Zwei Türen knallen kurz hintereinander, ein Auto startet im Hof. Ich telefoniere mit meinem Analytikerfreund. Der sagt: “Du hast keine Struktur, du frisst zuviel und du traust dich zuwenig.” Trotzdem mag er mich. Ich bin unfähig ein Muster zu erkennen. Heimlich verherrliche ich ihn, mein Held, mein Vater, mein Freund. Einmal sein wie er! Zuvor aber schlepp ich die Möbel an ihre angestammten Plätze zurück, nochmal zwei Stunden Schwitzen. Wie von Zauberhand erscheint zehn Minuten später Isolde in der Tür. Wir reden lang und ausführlich über alles.

Reden geht gut, weil ich nun auch in Therapie bin. Ich weiß ja, dass etwas nicht stimmt mit mir. Es kommt aber keiner drauf, was. Es geht nix weiter. Als Nachwuchsintellektueller bin ich halt therapieresistent, da kann man nix machen.

Mit dreißig bin ich zum ersten Mal verliebt. Ich erkenne es daran, dass mich Angst vor dem Sterben befällt bei der Frage, ob Yumiko noch einen Kaffee trinken würd mit mir, wo ich sonst immer nur Gelegenheit und Risiko kalkulier und im Leben nicht so blöd wär, eine Japanerin zum Kaffee einzuladen statt zum Tee. Yumiko will trotzdem, und die nächsten zwei Jahre spielt das Lebenskino Gefühlsüberschwemmung im Dauerprogramm. So viel hab ich nachzulernen. Nichts weiß ich von Nachtigallen und Rosen, von Kuscheln, Händehalten, Amselsang. Nach zwei Jahren endet Yumikos Studium. Sie reist viel, um eine Anstellung als Sängerin zu finden. Ich stürze mich wieder in die Fotografie. Tagsüber lichte ich leere Parkplätze ab, nächtens stehe ich lange Stunden auf dem Mönchsberg in der Winterkälte. Schau dem Kamerahund zu, wie er Schwärze in sich hinein frisst. Zu Hause setzt Yumiko die Temperatur jede Woche ein Zehntelgrad herab. Mitte Mai haben wir Sibirien, und sie ist weg. In wärmere Gefilde umgezogen. Ich lege alle Anzeichen des Heroinentzugs an den Tag.

Ein Jahr später heirate ich Yolanda, die Brasilera mit der Stimme Yumikos. Ihre Augen blitzen herauf aus Tiefen, die ich kenne. Yolanda kann Gas geben, da ist alles davor bloß Kinderkarussell. Ganz wohl ist mir nicht, wenn ich der Seifenkiste zuschau, wie sie ohne Lenkung die Großglocknerhochalpenstraße hinunter braust. Aber wir sind ja schon eingestiegen. Beide. Außerdem hab ich Lowen, Reich, die gesamte Bioenergetik drauf, vor und zurück. Da kann ich die Sau schon derreiten.

Natürlich ist am Ende die Brasilera Schuld an allem, der Gewalt, der Einsichtslosigkeit, der wortlosen Verzweiflung. Ich habe keine Ahnung, dass mir dasselbe Gift im Herzen sitzt wie ihr.

Zunächst jedoch wandern wir aus. Nach Japan. Weil ich mich in der Entzugsphase an zwanzig japanischen Unis beworben habe. Die letzte schlägt jetzt zu, will mich für vier Jahre verpflichten. Yolanda ist gleich dabei. Nix wie weg! Wie ich ist sie nirgends zu Hause.

Ausgerechnet Japan. Das habe ich mir fein ausgedacht. Schon nach sechs Monaten ist alles in Schräglage. Das erklär ich den Japanern beim großen Saufen so: „Wer viel zu vergessen hat, muss auch viel trinken!“ Das finden sie lustig. Und den nächsten Sake! Es ist das einzige Mal, dass wir einander wirklich verstehen, ich und die Japaner.

Sieben Jahre später und nachdem ich zum ersten Mal im Leben einem Vorgesetzten „Nein” gesagt habe, muss ich wieder von vorn anfangen. Mir macht das gar nichts aus. Es ist im Gegenteil das einzige, was ich gut kann: Anfangen, Ärmel hochkrempeln, Wiederaufbau nach Erdbeben und Atombombe. Mit Kelly aus Kalifornien, die einen frischen Wind in mein Dasein gebracht hat.

In New York schauen wir Film, abends auf dem Powerbook im Bett: Deliver Us From Evil. Father Oliver O’Grady gibt ein Video-Interview, die Augen fest am Boden. Ein harmlos netter Kerl von knapp sechzig, der mehrere Dutzend Kinder im Alter von sechs bis vierzehn vergewaltigt hat. Tage bevor die kalifornische Polizei einen Haftbefehl gegen ihn erwirkt, bringt ihn die Kirche nach Irland zurück. Er ist sexuell und emotional auf dem Stand eines Vorschülers, der, wenn der Zuckerltopf auf dem Tisch steht, sich halt nicht beherrschen kann und schnell hineinlangt. Ton- und Stimmungslage kenn ich gut, auch die seiner Vorgesetzten, die nichts gewusst, nichts geahnt haben, obwohl sie ihn jedes Jahr in eine andere Pfarre versetzten. Das Geflenne der Eltern ist mir neu. Von Spätfolgen ist die Rede, Selbstmorden, zerbrochenen Leben. Naja, denke ich, die vielleicht, aber sicher nicht ich. In der Diskussion mit Kelly sag ich “Ja genau, so sind die, alles Kinder” – “Mörder”, sagt meine Kelly, “sind die aber auch.”

Bei einem längeren Österreichbesuch hab ich einen Bandscheibenvorfall. Mein Heiler, der Herr Franz, bringt den Vorfall mit Sexualität in Zusammenhang. Das irritiert mich. Ist doch eh alles in Ordnung. Also vielleicht nimmer so oft, altersangemessen halt. Früher, vielleicht. “Also da war schon mal eine gestörte Beziehung”, sag ich, während der Herr Franz seine esoterische Fingerspitzenmassage macht und murmelt: “Neinein, das channelt sich von tiefer her. Viel früher ist das.” Aber was? Ich geh meine Lebensliebessexualgeschichte durch und verfalle in tiefes Schweigen. Das Wort Hosentaschenzuckerlkontrolle steigt herauf von der Götterdämmerungsbühne, dann eine nebelige Szene in der Dusche. Monate vergehen. Die Bilder kehren wieder, neue kommen dazu. Eine Tür, ein Schlüssel, ein überheiztes Erzieherzimmer, ein Stahlrohrbett mit kratzigen Wolldecken. Es ist der Winter, in dem der Rektor des Berliner Canisiuskollegs eine Lawine lostritt.

Zögernd beginne ich zu lesen, über Missbrauch, Scham und Schweigen, kurz nur über Pädophilie. Den Pädophilenbericht schick ich zurück an Amazon, obwohl ich einsehen muss, dass ich perfekt ins Profil passe als vaterloser, der Obhut der Mutter entzogener Bub, dem der soziale Anschluss nicht gelingt. Mir wird’s mulmig. Im Internet finde ich eine Traumatherpeutin. Die ist auf der Höhe der Zeit: Hyppocampus und Amigdala, Dissoziation, Sucht, Abhängigkeit buchstabiert sie mir das Alphabet des Missbrauchs her. Ich kann mich dem Chaos in meinem Leben nicht länger verschließen: Siebzig Wohnsitze in fünfundvierzig Jahren, von der Steuererklärung gar nicht erst zu reden. Ich dreh jeden Morgen hundert Runden um den großen Tisch im Arbeitszimmer, während ich flenn wie nicht gescheit.

Einmal, nachmittags beim Autowaschen mit meinem Germanistenfreund Maximilian, starte ich einen Versuchsballon: “Du, ich bin auch missbraucht worden im Internat.” – “Das war sicher arg”, erwidert Max, während er sich vom Seitenfenster wegdreht zur Windschutzscheibe hin. Und dann muss er gleich den Putzfetzen auswinden, weil der schon so verdreckt ist.

Mein Austausch mit der Traumatherapeutin wird zunehmend intimer. Das alles, was ich kann: Auf der Kinderstation die Krankenschwester anbaggern. Die Beziehung explodiert, als wir ins Thema Inquisition geraten. Anna meint, jede Institution muss sich auch selber schützen. Anna ist also nicht ganz so revolutionärkatholisch, wie sie mir zu Beginn der spirituellen Beratung versichert hat. Ich widerspreche. Heftig. Mit dem Morden kommt man doch nicht weiter. Aber da ist alles schon vorbei. Mit einem Männergewalttäter wie mir kann Anna nicht arbeiten, da wird sie täglich aufs Neue vergewaltigt. Schreiben brauch ich ihr nicht mehr, sie wird alles ungelesen löschen.

Gewaltfantasien treiben mich um. In den wenigen Träumen, die ich zu erinnern vermag, wird ständig gemordet. Manches schwappt in den Tag herüber. Immer wieder seh ich mich in die Hauptstadt fahren, den Präfekten verlangen an der Pforte. Der kommt und breitet wie der Heiland seine Arme aus, während ich ihm das lange, schmale Schinkenmesser in den Bauch stecke und drei, vier Mal umdrehe. Immer in den Bauch, höher reich ich nicht hin.

An das Österreichjahr schließt sich ein Gastsemester in Hong Kong an. Am Ende fahren Kelly und ich nach Chiang Mai in die Regenzeit. Drei Wochen grabe ich in tränenlosen Tiefen, sitze jeden Tag schreibend von fünf bis zehn auf dem Aussichtsdeck am Fluss. Die Frühschicht bringt mir Löskaffee. Einmal hält mir die Aufräumefrau wortlos eine Lei hin. Ich lege sie mir um den Hals. Umgarnt von Honigblütendüften spür ich dem Unsagbaren nach. Die dritte Version des Internatsromans entsteht.

Im Sommer treffe ich Maximilian wieder. “Ich hab das überhaupt nicht ausgehalten, wie du’s zum ersten Mal gesagt hast. Da hatt ich einen Aussetzer” – “Ich dachte, du willst nichts davon wissen.” Er weiß es aber wie gestern: “Da hat’s mir den Magen ausgehoben. Ich hätt auf der Stelle speiben können.”

Im Frühjahr auf Oahu, wo ich Fotografie unterrichte an der University of Hawai’i Manoa, bin ich so weit. Ich melde mich an zum Weekend of Recovery bei Male Survivor in den kalifornischen Redwoods. Leider ausgebucht. Ich verfalle in eine milde Depression. “Schreib ihm einen Brief”, sagt Kelly, “Musst ihn ja nicht abschicken.” Dem schreiben? Wozu? “Mich zu behaupten gegen den Anschlag auf mich, mein Leben, meine Seele. Ich will”, schreibe ich dem Präfekten, “dass Sie wissen, dass ich überlebt habe. Dass ich nicht als der nächste Fritzl durchs Land renn und meinen Wohnzimmerboden aufstemm. Dass ich nach vierzig Jahren Seelenarbeit verstehen anfang, dass Heimzahlen nix hilft. Wie sehr ihnen das Heimzahlen noch recht geben würde, sozusagen übers Grab hinaus.” Meine Depression ist verflogen. Am Samstag schreibe ich mich weiter an ihn heran:  “Schon mit zwanzig wusste ich, dass ich mich in autoritären Systemen nicht aufhalten kann, dass der Druck so groß wird, dass ich irgendwann platze. Ich wusste das ganz sicher, aber auf eine komische Art. So wie man weiss, dass man Hämorrhoiden hat oder ein Magengeschwür. Man weiss das durch beharrliches Wegschauen. Auf die gleiche Art wusste ich, dass ‘etwas vorgefallen’ ist zwischen uns, dass Sie mir was angetan haben. An-ge-tan, die Vokabel, die einen noch am meisten vom Täter distanziert. Aber das ist natürlich kompletter Unsinn. Ich hab ja den Täter in mir, auch wenn’s mich reckt vor Grausen.” Dann find ich endlich wieder den richtigen Ton: “Jetzt hab ich doch, gegen alle ehelichen, therapeutischen und sonstigen Ratschläge, ihre Nummer gewählt. Es hätte mir eigentlich gleich klar sein müssen: der Akzent, die Schwierigkeiten mit der Wortstellung, aber zweimal musste ich mir den Text auf ihrem Anrufbeantworter anhören, bis ich glauben konnte, dass das wirklich Sie sind. Mein Gott, was für ein Würschtl! Diese dünne, ängstliche Stimme, das Zögern in jedem Wort, von den Rundlaufschwierigkeiten Ihres Uraltkasettenrekorders noch ins Jenseitige gesteigert. Speaking of which: Was gedenken Sie denn ihrem Herrn Schöpfer zu sagen am Tag des Jüngsten? Zittern? Wehklagen? Ich hab halt nicht anders gekonnt, die Versuchung und so? Wo wir doch beide wissen, und der Herr Schöpfer sicherlich auch, dass es da überhaupt nicht um Sexualität geht, bloss um Agression, die Befriedigung niedriger Triebe sagt der Gesetzgeber. Elias Canetti versteht das noch besser als jedes Gericht: Töten um zu Überleben, und erst wenn er seinen Fuß auf die Brust des Andern setzt, weiß der Herrscher, dass er wirklich lebt, weil jeder Lebende eine Bedrohung seines Überlebens ist, so wie ich jetzt Ihre Bedrohung bin, die lebendige, frei herumspazierende Bedrohung des Systems Schuld, Sühne und Vergebung und was sich sonst noch an Schwachsinn zusammen gebraut hat in den vielen Jesuitengehirnen, die aus der selbstverschuldeten Nacht nicht herausfinden.”

Am Sonntag mach ich zur Erholung research. Dass ich mit meinen Problemen nicht alleine bin, hab ich mir eh schon gedacht, die Zahlen aber werfen mich um: Eine von vier Frauen und einer aus sechs Männern haben unwanted sexual contact bevor sie erwachsen sind. Das ist schwer zu glauben. Noch schwerer fällt es mir, ruhig zu bleiben bei den Spätfolgen, von denen überall die Rede ist. Am Montag meld ich mich an zum nächsten Weekend im Oktober.

Was dort geschieht, ist die einfachste Sache der Welt: Wir erzählen einander unsere Geschichten. In Gruppen zu fünft. Nur das Zuhören ist manchmal nicht so einfach. Wenn zum Beispiel Bill sagt: “My first memory in life is my abuse. I am seven years old and I am sitting on my father’s lap. I feel his penis penetrating me.” Unmöglich, den Blick ruhen zu lassen auf dem hageren Sechzigjährigen. Wohin geht man mit so was? Dass er es überhaupt heraus bringt. Der eigene Vater! Ich würd mich ankotzen. Das Prinzip des Weekends erschließt sich mir zwei Jahre später, bei Jan Philipp Reemtsma Im Keller: “Das einzige Mittel gegen ungewollte Intimität ist Veröffentlichung.”

Montag morgen sitz ich mit neuer Distanz und neuer Nähe neben meiner Frau im Auto. Da streift mich etwas. Als wäre ein schwarzmetallener Block, ein Würfel, daumengliedgroß, ein undurchdringliches Geknöch von hundert Jahren soeben chirurgisch aus meinem Gehirn entfernt worden und die Nervenenden streckten zögernd ihre Fühler aus, den Freiraum zu erobern. Meine Frau hat graue Augen, manchmal grün, jetzt beinahe braun, je nach Lichteinfall. Erstaunlich.

Im Sommer besuche ich Cermak, meinen Täter. Der liegt mit schwerer Diabetes im Krankenhaus. Ich konfrontiere ihn. Er streitet’s ab: “Ich bitt’ Sie! Ich war doch höchstens ein bisserl zu streng mit den Kindern, aber sicher nicht zu lieb.” Kerzengerad schau ich ihm in die Augen. Alle Verachtung der Welt leg ich in meinen Blick: “Aufs lieb haben kommt’s beim Vergewaltigen eh nicht an, bloß auf die Gewalt.” Hier meldet sich der Bettnachbar zu Wort: “Also bitte! Muss man sich alles anhören?” – “Gehns’ auf an Kaffee, wenn sie’s nicht vertragen!”, zisch ich. Der Einarmige geht hinaus. Wir machen weiter. Zwei oder drei Krankenschwestern stecken ihre Nasen zur Tür herein, ich unterbreche nicht. Auch Cermak sagt nichts zu ihnen. Nach vierzig Minuten ist er so weit: “Also, wenn Sie sich so sicher sind…”

„Das hätt ich mich nie getraut“, sagt Maximilian am nächsten Tag beim Heurigen. Ich genieße seine Bewunderung. Kurz darauf besuche ich auch meine Mutter. Ich kann ihr noch immer nicht beim Essen zuschauen. Besonders beim Frühstück nicht. Jeden Tag, wenn sie ihre zwei Marmeladebrote zum Tisch bringt, mich fragt: „Magst auch ein Butterbrot?“, geh ich unter einem Vorwand hinaus. Am vierten Tag werd ich laut: „Ich mag kein Butterbrot! Wie oft hab ich dir das schon gesagt! Du brauchst mich nicht fragen. Ich mag nie Butterbrot zum Frühstück.“ Da ist sie beleidigt. Am nächsten Tag sind wir wieder gut und sie fragt gleich wieder. Diesmal lach ich nur: „Nein danke!“ An den Missbrauch kann sie sich genau erinnern: „Da bin ich aus der Kirche ausgetreten, wegen dem fetten Schwein.“

Im Jahr darauf werden Kelly und ich sesshaft in Pacific Heights in Honolulu. Hinterm Haus, wo der Urwald allnächtlich an der Zivilisation leckt, wo in Vollmondnächten die Wildschweinmütter mit ihren Frischlingen um die Wette grunzen, will Kelly einen Gemüsegarten anlegen. “Und deine gestreiften Freunde?” frag ich. “Elektrozaun!” ruft die praktisch veranlagte Pioniersgattin aus San Diego. Ich lach mich schief.

Chaos ist immer noch mein ständiger Begleiter. Meine Röhrenverstärker sind Weltklasse, aber einen Kabelsalat dieser Größenordnung hat der Elektriker noch nicht gesehen. Er zückt die Kamera. Das muss er seinen Freunden zeigen. Ich lach mit ihm.

Schwieriger sind die Nächte. Besonders stehen es sich meine Träume auf Pfählungen. Angeblich, weil das Opfer, unten schon tot, oben noch fleißig weiter redet. Kopf abschlagen kommt jedenfalls nicht in Frage, höchstens Schlangengruben und Medusenhäupter. Dabei muss ich froh sein, dass ich überhaupt wieder was träume.

Tat und Täter leben weiter. Nicht bloß als Schatten. Wenn hinter mir ein Teller laut auf den Tisch gesetzt wird, fährt ein weißer Blitz das Rückgrat hinunter. Oder der Trafikant schaut verkehrt und ich schrei ihn an wegen nichts. Bin das ich, der da aus mir heraus brüllt, oder ist es der Präfekt? Wie Gummibaum und Liane im Dschungel hinterm Haus sind wir ununterscheidbar ineinander verschlungen. Als Liebespaar, in schweigendem Ringen um Vorherrschaft.

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Erstdruck: 2014  “Den Präfekten im Nacken”. In: Reportagen #15, Bern

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