Klaus Knoll

Literarische Autoethnografie

Japanbriefe

Japan heute

Das erste Signal aus Fukushima sind die Sirenen in Honolulu.  Es ist zehn Uhr abends. Meine Frau und ich sitzen in etwas, das früher die Garage war, genauer gesagt der gemauerte Teil, auf dem der Rest der Holzhütte sitzt, die hier in Palolo Valley an den Hang geklebt ist, noch genauer gesagt, ein Klo mit recreation room, als Garage wär’s viel zu klein gewesen. Der recreation room diente als Friedhof für Kühlschränke und Tiefkühltruhen. Die Gruft haben wir in zwölf oder vierzehnhundert Stunden in ein Musterapartment für dwell magazine verwandelt: Leben auf neunzehn Quadratmetern, das macht uns hier im Fernen Westen so leicht keiner nach. Ein Blick in unsere Bibliothek zeigt, dass das kein Betriebsunfall war sondern Absicht: in jedem zweiten Regal stehen Titel herum wie Tokyo Apartment, The Very Small Home, Zen In Your Garden, Tiny Houses, Asian Modern. Nur die Sirene geht nicht weg, und zehn Uhr abends ist zu spät für einen Test. Ich denk an Pearl Harbor, also schon wieder Japan, und klappe das Powerbook auf. Die New York Times hat noch nix. Beklemmung beschleicht mich. Kim Jong Il und seine Mittelstreckenraketen?

Da, der Honolulu Star Advertiser weiß es: Erdbeben in Japan, Tsunamiwarnung für den pazifischen Raum. Ich schüttel das ganz locker ab, aber meiner Frau geht sowas gleich an die Nieren. Das mit dem sagenhaft billigen oceanfront property überlegen wir uns aber noch, zumindest darauf können wir uns einigen. Versichern kann man direkt am Wasser heutzutage eh nix mehr, hat gestern einer gesagt. Nur, dann kann man halt kaufen auch nix, weil die Bank will auch im Paradies ganz sicher sein, dass im Fall der Fälle noch was übrig ist für unter den Hammer. Achwas! Sind eh alles nur Hirngespinste! Ich dreh ab in Traum und Unterwasserschwimmübungen.

Um zwei in der Früh meine Mutter: “Gotteswillen, lebt’s ihr eh noch?” Das ihre Standardreaktion. Ich bin ja mittlerweile geschult. Wenn irgendwo auf dem Planeten ein Erdbeben abgeht, ruf ich automatisch und sofort meine Mutter an und sag ihr auf die Mailbox, dass auf Hawai’i alles in Ordnung ist und das Erdbeben in Peru oder den Phillippinen zwar tragisch aber ganz weit weg ist und mit uns hier in der Mitte des Pazifiks nix zu tun hat. Das hilft manchmal, aber nicht immer. Aufgrund meiner vielen Reisen, Übersiedlungen, Länder- und Existenzwechsel hat meine arme Mutter nur eine sehr ungefähre Vorstellug, wo ich mich gerade aufhalte und was ich gerade anstelle. Ich kann es ihr nicht verdenken. Meinen mittlerweile schon etwas überwuzzelten Vortrag über tektonischen Platten und dass wir hier in Honolulu ganz mittig auf der pazifischen hocken, will sie auch nicht hören, besonders jetzt nicht, wenn das Fernsehen nix wie Katastrophe zeigt. Die Katastrophe ist weit weg, ganz wie der Bub, und also sind der Bub und die Katastrophe eins geworden. Außerdem meldet er sich zumindest dann und wann, wenn man sich entsprechend sorgt. Folgerichtig muss ich trotz Ohrstöpsel drei Mal raus, bis ich’s endlich aufgeb und meiner Schwester erkläre, dass ich schon zwei Mal mit unserer Mutter geredet hab und dass die Mama bitte nicht so viel fernsehen soll und dass ich jetzt um vier in der Früh das Handy ausschalten werde, Tsunami hin, Erdbeben her, der lezte tsunami hier war grad mal zehn Zentimeter hoch, nein nicht Meter, eine Handbreit.

In der Früh hebt uns wieder die Sirene heraus, tage-, wochenlang haben wir diesen Ton im Ohr. Auf und zum Computer: Was ist passiert? Fast nix, bloß ein Haus ist ausgerutscht und ins Meer gefallen. Hoffentlich zeigen sie das nicht in der Zeit im Bild!  In Japan selbst sieht es ganz anders aus. Wie Kinderspielzeug, das achtlos zertreten und dann zusammengekehrt wurde, liegen die Matchboxautos zwischen den Puppenhausresten. Da könnt sogar ich nochmal katholisch werden.

Am Medienhorizont erscheint ein neues Menetekel: Atomunglück! Ach Blödsinn, sag ich, die bringen doch bloß immer nur deshalb schlechte Nachrichten, damit sich die Werbung besser abhebt dagegen.

Zu Mittag bin ich reisefertig. So leicht geht das, wenn man das Cernobyl-Wochenende auf 1500 Meter Seehöhe verbracht hat, fernsehfrei mit reichlich Schneeballschlachten und Spaziergängen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>