Klaus Knoll

Literarische Autoethnografie

Japanbriefe

Kohi

Nichts was Menschen nachher essen sollen,
wird vorher auf amerikanische Art zubereitet.
Friedrich Torberg, Kaffeehaus war überall

 

Kaffee ist in Japan immer teuer und meistens grauslich. Am teuersten und grauslichsten ist er im Kaffeehaus, wo man die Wahl hat zwischen uina (“Wiener”, offenbar Melange, in Japan — semper et ubique — eine hellschwarze Brühe, auf der ein paar traurige Fettaugen schwimmen) und amelican kohi (American coffee: Euphemismus zur Bezeichnung einer bonbonfarbenen, sehr heißen Brühe). Eine Espressomaschine habe ich noch in keinem dieser Etablissements zur Massenvergiftung gesehen. Aber die Kaffeehausbesitzer können nix dafür. Das Problem beginnt schon beim Ausgangsprodukt. Ungezählte Versuche, Kaffee in Heimarbeit herzustellen, scheitern jedes Mal schon am Rohmaterial: Der Dosenöffner bringt bei jeder Marke wieder dieselbe Art braungrauen, geruchs- und geschmacksneutralen Kies zum Vorschein.

Dabei kostet ein Viertelkilo dieses ungenießbaren, viel zu grob gemahlenen Schrots im günstigsten Fall knapp fünfzig Schilling, in weniger günstigen Fällen bis zu zweihundert, wobei dann die Packung vom goldenen Schriftzug Jamaica Blue Mountain verziert wird, nur dass es sich dabei immer noch um blendo cohi handelt, also eine Mischung, und der gute Blue Mountain mit mindestens 95% Robusta verhunzt wird. Zum Ausgleich wird aber dieser zu Bohnen gepresste Kuhmist so sorgfältig und aufmerksam behandelt wie Goldstaub. Noch die billigste Kaufhausmarke kommt in der aromaversiegelten Blechdose daher, obwohl von allem Anfang an keine Spur von Aroma vorhanden gewesen sein kann, und jeder Kaffeeladen, der irgend auf sich hält, ist im Besitz einer höchst imposanten Vakuumverpackungsmaschine, die bestimmt kein Molekül des schwarzen Goldes entweichen lässt. Dass man eine solche Kostbarkeit im Kühlschrank aufbewahrt, versteht sich fast von selbst, auch wenn die Normalpackung nur 100 bis 125g groß ist. Die größten Dosen, derer ich je ansichtig wurde, enthielten die stolze Menge von 600g. Damit kommt dann eine fünfköpfige Familie wahrscheinlich gut zwei Monate aus.

Aber man darf nix sagen, schließlich ist Tee das Nationalgetränk, und Kaffeetrinken für die Japaner eine amerikanische Erfindung. Was die Österreicher von den Amerikanern auf kulinarischem Gebiet halten, hat schon Friedrich Torberg auf den Punkt gebracht. Vom japanischen Kaffee hat er vermutlich noch nichts gewusst, sonst hätte er sich wahrscheinlich gleich umgebracht. In New York konnte er immerhin in Little Italy überleben. Die Kellnerinnen jedoch in den diversen Pizzerias hier – und deren gibt es eine erstaunliche Menge – schütteln immerzu nur ihre kleinen Köpfe, wenn ich mit dem Ausdruck des aus Seenot Geretteten an der Theke erscheine, wenn frisch die Hoffnung mir wieder Glanz ins leblose Auge zaubert und ich die magischen Worte stammle: “esupuresso kohi onegaishimasu”. Taub bin ich für ihre wortreichen Erklärungen, blind für die bedauernden Gesten, die sie so anmutig einflechten, geschlagen ziehe ich ab: Wieder nix!

Nach vielen Wochen und ebenso vielen frustrierenden Erfahrungen gelange ich zu der Überzeugung, dass die einzige Verbesserungsmöglichkeit feingemahlenes Kaffeepulver ist. Ich versuche mein Glück beim universitätseigenen Studentenshop. Wie bei uns kann man hier nämlich seinen Kaffee an Ort und Stelle durch eine große Mühle lassen. Es ist ganz einfach: Kleine Bildchen symbolisieren die verschiedenen Arten der kohi-Zubereitung: Filter, skandinavisch, türkisch (?), Espresso, watscheneinfach. Aber wehe, es kommt ein gaijin (Ausländer) mit seinem typisch westlichen Überinidividualismus. Er kann einfach nicht begreifen, was Japan ist. Eine eigene Meinung zum Mahlgrad des Kaffees ist weder notwendig noch wünschenswert. Die Coop-Verkäuferin jedenfalls ist heillos verwirrt, riskiert sogar ein paar Worte Englisch: You want filter? Ich, misstrauisch geworden durch das Faktum, dass der Türkische irgendwo in der Mitte liegt, statt an einem Ende der Skala erwidere: dame, dame, alles Blödsinn, moto chisai, kleiner! Sie deutet auf die Symbole: kore, kore? Dieses? Mensch Mädel, es is mir  komplett wurscht, welche Bildchen sie euch da draufgemalt haben, ich will meinen Kaffee so fein wie möglich, Pulver, sagt man bei uns, nicht Kieselsteine. Kaffee-Mehl. Hab ich auch schon gehört. Klingt vielleicht ein bisschen exotisch für japanische Ohren, aber das ists, was ich möchte. Sie läuft aufgebracht zur Kollegin, redet hysterisch auf sie ein, ich versteh nur chisai, chisai, und an der Melodie, dass sie fragt. Daher nicke ich begeistert. Nach längerer Konferenz gehen sie gemeinsam zum Chef. Ausführliche Besprechung, allgemeine Ratlosigkeit. Man beschließt zu telefonieren. Mir geht langsam die Geduld aus, ich wollte nur eins dieser winzigen Packerl Kaffee mahlen. Aber nicht mehr lang, und es geht ein Fax an die Herstellerfirma dieser unseligen Mühle, die idiotensicher nur mit Comics beschriftet ist oder an den Kaffeeimporteur in der Hauptstadt mit der Bitte um genaue Anweisungen, und nur ein bißchen länger noch, dann hagelt es dringende Anfragen im Parlament. Das möchte ich denn doch nicht. Aber nur mit größter Anstrengung ist es mir möglich, das Verfahren abzubrechen. Tausend Bücklinge, herzlichen, vielen, ganz herzlich vielen Dank, es paßt schon. Nach einer Minute hinhaltenden Widerstands hab ich die Verkäuferin wieder bei der Maschine, entschlossen dreh ich den Knopf auf eins, sie startet, ich nehme wortlos das Geröll an mich und sehe zu, dass ich den Ort des Geschehens so unauffällig, wie das jetzt noch möglich ist, verlasse.

Nächsten Tag läuft sie mir nach, sensei, sensei! Ich dreh mich um, sie zeigt auf die Mühle, mit verzücktem Lächeln stellt sie den Knopf auf 5, kore wa chisai desu. Ich lach mich schief, weiß selbst nicht, ob aus Amusement oder mehr aus hilfloser Wut. Aber sie lacht mit mir, fasst mein hysterisches Glucksen als Freundlichkeit auf. Monate später entnehme ich einem kleinen Artikel der Japan Times, dass die großen japanischen Kaffeeimporteure im abgelaufenen Finanzjahr dazu übergegangen sind, ihren Stoff aus Vietnam zu beziehen, weils die Vietnamesen noch bedeutend billiger geben als Indonesien, das bis dato Hauptlieferant war. Mit einem befriedigten Grunzen versinke ich im Sessel. Wieder ein Welträtsel gelöst!

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