Klaus Knoll

Literarische Autoethnografie

Paradiesberichte

Landung im Paradies

Wir bleiben auf Oahu. Gesagt, getan, gesiedelt. Das einzige was noch fehlt, ist eine Bleibe. “Craisglist”, sagt Kelly, “die hat uns ja auch in L.A. schon gute Dienste geleistet.” Hunderte Angebote, aber Schneckentempo im Netz, weil das Signal aus dem 50. Stock halt nur sehr schwach ist, hier unten im Mietwagen an der Kreuzung Kualani und Nu’uanu. Die Ortsnamen klingen zwar alle ganz paradiesisch: Mapunapuna, Haleiwa, Manoa, sobald man aber auch nur einen dieser Paradiesnamen erinnern soll oder 30 Sekunden später wiedergeben, merkt man, dass eine Sprache, die aus grad ein mal sieben Konsonanten besteht, gewaltige Tücken hat. Wie weiland in Japan klingt alles gleich und die Silben geraten mir durcheinander. Wir kommen ins Schwitzen. Die zwei Zimmer mit Dschungelblick, ist das jetzt in Maunaloa, Maunawili oder Mapudingsbums. Da wissen wir noch nicht, dass es zu dem Thema mehrere Dissertationen gibt. Und überhaupt, wo liegen Wahiawa, Waianae, Alawai und Ala Moana? Waikiki, das zumindest wissen wir, ist zu vermeiden. Endlich, da: Oceanfront Zen cottage on an acre of Malaekahana Beach. 45 minutes to Honolulu. Das klingt doch ganz nach Paradies in unserm Sinne. Ist es dann auch, in hohem und höchstem Maße. Schon die Stimme am Telefon: Hello-oo? Süß, warm, lieb, ganz ohne das Los Angeles fake, das ich nicht ausstehen kann. Also los. Eine Stunde Küstenstraße, nochmal vorbei an Ka’a'awa mit seinem Strandpostamt und den Holzhütten von Punalu’u. Hier, Gunstock Farm, Telefonstange mit Mileage Marker 45, rechts die Düne rauf, links unter den iron pines, da muss es sein. Ein schwarz-weiß Gepunkteter bellt sich die Seele aus dem Leib. Barking Buddha ist uns schon aus dem Email bekannt. Mit feuchter Schnauze geht er auf meinen Hosenschlitz los, ich schieb ihn weg, schnüffel die Weiber aus, du Aufreisser! Krisha empfängt uns mit offenen Armen, drückt mich an ihren Busen, dass mir die Luft weg bleibt. In achtzehn Monaten L.A. hat mich, von meiner Frau abgesehen, bloß die Friseurin berührt, aber auch nur durch drei Schichten Plastik und indirekt beim Stirnglatzenabstauben. Niemand aber, inklusive meiner Frau, hat mich so beherzt an die Brust genommen wie die texanische Stimmartistin vom North Shore, die jetzt gleich und sofort zur Aufnahme ins Studio in die Stadt muss, leider. Aber das mit dem hale iki geht in Ordnung. “Oh”, sagt sie in Richtung auf unsere Fragezeichengesichter, “hale iki ist Hawai’ianisch für kleines Haus. Hat George selber gebaut, in den 60ern, die Pläne hat er sich von einem Japaner zeichnen lassen, war wohl Architekt.” Wir murmeln was von Architekturfotografie, sind ganz baff. “Also, ich muss dann. Der Strand ist da vorn, gleich nach der Düne, hier sind Handtücher, und im Kühlschrank ist noch eine Flasche Wein, macht’s euch gemütlich.” – “Ja und das security deposit?” – “Ah ich bitt dich, das könnt ihr auch erledigen, wenn ihr einzieht.” Und schon ist die Erscheinung weg. Wir besichtigen das hale iki, ganz aus Holz und vielleicht 60 Quadratmeter groß, vier kleine Pyramiden auf dem Dach, je eine über den vier Wohnquartieren, von denen die beiden vorderen zu einem kleinen grand salon zusammengefasst sind, die beiden hinteren als Küche und Badezimmer fungieren. Von der Terrasse kann man auf den Pazifik sehen, also ein bissl zumindest und wenn man sich stark nach links verbiegy, der Rest sind Palmen und Barking Buddhas Auslauf. Wir latschen zum Strand, menschenleer, so gut wie keine Zivilisationsreste. “Volltreffer”, sagt Kelly, “that’s it.” Zwei Wochen später sind wir zurück mit Hab und Gut.

Am ersten Tag im neuen Leben wird meine Frau krank. Das hat sie vielleicht noch aus Los Angeles mitgebracht. Zu Mittag hat sie Fieber und fühlt sich hundsmiserabel. Versicherung haben wir noch immer keine, obwohl wir nun schon vierzehn Monate in Amerika leben. Wir warten zu. Gegen Abend gehen wir dann doch zur Notaufnahme ins Krankenhaus. Die müssen auch Unversicherte behandeln. Kahuku Hospital ist ein Zehn-Betten-Spital und die einzige Einrichtung dieser Art auf Oahu’s Windward Side. Der Warteraum ist winzig, der Fernseher auf Sport gestellt. Ich versuch Kelly bei Laune zu halten, mach Witze über TV-Be-Gone, die Fernbedienung, die auf Knopfdruck die zwanzig gebräuch-lichsten Infrarot-ausschaltsignale versendet und damit neunundneunzig Prozent aller Plärrkisten abwürgt, garantiert. Kelly aber hockt ganz still in ihrem kleinen Körper, will sich nur anlehnen. Wenn’s weiter nichts ist, soviel Schulter ich nur aufbringen kann. Harnwegsentzündung sagt der Doktor, cranberry juice trinken und viel Wasser. Das Schauspiel wiederholt sich am nächsten Tag. Ab nach Hause. Kelly fühlt sich komplett matsch, will nichts als schlafen. Ich lass sie. Am nächsten Morgen liegt sie zitternd auf dem Bett. Ich heb sie auf, vogelleicht, halb schon weggeflogen. Da weiß ich, es ist höchste Zeit, und nehm sie und lass mich nicht mehr abwimmeln, “Ambulance, Emergency, Right Now – Pleeease.” Ohne die Stimme zu heben, aber mit einer Dringlichkeit, die ich sonst nicht kenn an mir. Ich halt sie bloß im Arm, bis man sie mir weg nimmt. Die Ambulanz kommt in vierzig Minuten. Das geht nicht schneller, weil es auf der Windward Side nur einen Rettungswagen gibt, und wenn der grad am andern Ende seines Einsatzgebietes ist…, ich hör nur halb zu, wild stürzen mir die Bilder durcheinander, wo muss ich hin? King Medical in Kaneohe, den Highway runter und am Ende desselbten nicht rechts nach Honolulu sonder links nach Kailua, gradaus weiter, drei Meilen, dann links, kann man nicht verfehlen. Nach fünfundvierzig Minuten bin ich dort. Formulare, Notaufnahme. Sozialversicherungsnummer, Adresse, und wann kommt endlich die Ambulanz, mir ist keine begegnet auf der Küstenstraße. Doch, die sind schon unterwegs, Viertelstunde noch, eine Ewigkeit. Ich hab nur immer dieses Zittern vor Augen, das Wilde Reißen. Da endlich kommt Kelly. Schon im Spitalspyjama, weiß mit rosa Blümchen, liegt sie auf der linken Seite, die dünnen Beine starr angewinkelt, die kleinen Fäuste nah am Kinn, das Gesicht ganz blass. Aus dem Mundwinkel ist ein bisschen Speichel geronnen, sie muss geschlafen haben. Sie sieht mich kaum, ein ganz kleines Lächeln nur. “Wir operieren sofort!” Und nochmal zu mir: “Das Beste, was Sie tun können, ist, Nachtgewand und Zahnbürste bringen. Vor morgen früh sehen Sie ihre Frau sicher nicht.” Grad, dass ich sie noch am Ellenbogen anfassen kann. Dann ist sie auch schon weg. Ich sitz da wie erschlagen in der dicken, feuchten Luft, schau auf die weißgesternten Blumenbäume am Rand des Parkplatzes: Plumeria. Aber den Namen weiß ich da noch nicht, grad so wenig, wie dass die Plumeria aus Mexiko stammt. Mir kommt sie ganz hawaiianisch vor in ihrem Unschuldsweiß. Namenlose Zartheit auf warzigem Stengel, der auch ganz jung schon aussieht wie die Haut eines Hundertjährigen.

Rückfahrt durchs Paradies. Vorn spielt das Radio Reggae und Island Vibes, rechts leckt der Pazifik unaufhörlich den Strand mit leichtem Grollen. Bei mir oben bacht es wie nicht gescheit. Hören tu ich nix. Die positiven Inselschwin-gungen erreichen mich nicht, nur die Stimme der Nachrichtensprecherin schneidet mir ins Herz. Süß und ein Versprechen als wäre nie was Böses geschehen: “It is four o’clock in the islands”. Nicht ein mal schneuzen kann ich mich, weil ich Angst hab, von der Straße zu fallen, lass es einfach rinnen, zieh nur den Rotz auf dann und wann.

Gunstock farm, telephone pole forty-five, rechts eine kleine Versammlung von Briefkästen auf wackligen Stecken: Da gehör ich rein. Hügelan, im Gebüsch treiben sich schwarzbraune Hühner herum, eins hüpft direkt vor den Jeep. Auf dem sandigen Untergrund gelingt mir die Notbremsung nur mäßig und ich würg den Motor ab. Schimpfend entschwindet das Junghuhn ins Unterholz. Dicke, fleischige Blätter starren mich an. Hau ab, du gehörst nicht hierher!, sagt die Botanik. Blödsinn Dschungel!, ruf ich mich selber zur Ordnung, Das ist ganz ordinäres Gestrüpp, ein bissl üppiger vielleicht als in Kalifornien, aber doch das gleiche Zeug. Nur die iron pines hab ich noch nirgendwo gesehen. Dreißig Meter hoch stehen sie im Wind, haarfein die Nadeln, dass man sie gleich streicheln möcht. Die Eisenkieferzapfen aber, himbeergroß, sind steinhart und stechen bös, wenn man barfuß auf einen steigt.

Barking Buddha meldet mich, lang bevor ich am Zaun erscheine, “Wassup honey?”, fragt Krisha. Ich berichte in Kurzfassung das viele, das ich nicht weiß. “Why don’t you come in and have some dinner with me?”, sagt sie, öffnet zuerst die Tür, dann eine Flasche Rotwein, während sie erklärt, dass sie Vegetarierin ist, nicht absolut, aber sie kann halt nichts essen, was ein Gesicht hat, besonders seit sie Buddha gerettet hat auf dem Highway, als er angefahren am Straßenrand lag, “back home in Texas, left to die.” Bei dem Wort schluchz ich auf, sie kommt rüber, legt mir ihren Arm um die Schulter, “Oh honey! Everything will be fine!”, was ich mit mehr Schluchzen quittiere. Der Höflichkeit halber verdrück ich ein paar lappige Zuccinistreifen. Die meisten Vegetarier, denk ich, sind miserable Grillköche. Es fehlt ihnen der Killerinstinkt. Dem Rotwein spreche ich eifriger zu, erzähle von Lynn Book und ihrem Voice Lab, den Aufnahmen, wie sich die Eskimos gegenseitig in den Mund singen. Ich rede wie aufgezogen gegen die Beklemmung, die hochkriecht, die Speisröhre, von unten herauf versauert. Mir ist so schlecht ich könnt mich ankotzen.

Nächsten Tag bin ich um halb sieben vor Ort. Draußen ist noch Nacht. Die Blaugewandete schickt mich zur ICU. Ich geh durch das übliche Krankenhauslabyrinth, Keller, dritter Stock, Übergang zum Nebengebäude, ganz hinauf, eine Doppeltür, bin fast schon beim ersten Bett, als mir etwas spanisch vorkommt. Acht Betten mit einer Raumstation in der Mitte. Nur drei sind belegt, aber alle hängen am Tropf. Meingott, Intensivstation! Ich seh mich um, da ist sie, stürz hin. Sie schläft. Bewegung hinter mir. Ich fasse sie am Ellenbogen, sie schläft so tief, bemerkt es nicht. Da tippt mir jemand auf die Schulter: “Sir! Sir! Can you please come with me for a moment?” Die Krankenschwester bugsiert mich in die Raumstation. Dort ist alles voller Monitore, jede Menge medizinisches Gerät, ein zweiter Abreitsplatz ist unbesetzt, sie deutet auf den freien Stuhl:
- Haben die bei der Aufnahme nichts gesagt?
- Doch, die haben mich zur ICU geschickt. Was heißt das bitte?
- Intensive Care Unit. Aber eigentlich sollten die direkt…
- Wird Kelly wieder?
- Der Doktor kommt erst um neun.
- Heißt das, Kelly ist in Lebensgefahr?
- Nein, sicher nicht. Aber ich bin nur die Nachtschwester. Ich war gestern gar nicht hier.
- Was ist denn passiert?
- Also nach den Unterlagen… Sir! Ich bin nicht autorisiert mit Ihnen darüber zu reden.
- Was soll das denn heißen?
- Das heißt, Sie müssen sich bitte bis neun gedulden, wenn der Arzt hier ist.
- Aber Sie wissen doch was.
- Ich weiß nur, dass wir gestern einen Nierenstein entfernt haben. Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann. Sie sollten bitte zur Aufnahme, damit man Ihnen einen social worker zuteilt. Sie haben jede Menge Arbeit. Kommen Sie um neun zurück.

Achja, Zahnbürstl und Nachthemd kann ich hier lassen. Und klar kann ich sie nochmal sehen, so lang ich will, aber bitte nicht ansprechen und auch sonst in Ruhe lassen, sie muss sich erholen. Ihre Werte sind normal. Wenn ich will kann ich selber sehen. Hier bitte! Sie zeigt auf einen Monitor. Blutdruck, Puls, Atmung, alles stabil. Ich geh betäubt zu Kelly. “Es wird alles gut”, sag ich zu ihr, “es wird alles gut”. Zwanzig mal murmle ich die Beschwörungsformel. Keine Reaktion, sie ist weg. Hinter den Schleier ihrer Gedanken verschwunden. Was ist, wenn sie nicht zurück kommt? Gotteswillen! Nicht mal denken will ich das. Trotzdem kreisen meine Gedankenmotten immer weider um das Licht, nichts kann sie verscheuchen: Was ist wenn? Was ein Unterschied zum sonst immer gedachten: Was wäre wenn…

Der Arzt, Typ Plastische Chirurgie für die oberen Stände, der hier sein Krankenhausjahr abdient, empfängt mich. Blondbeschopft und braungebrannt lehnt er sich im Drehstuhl ein wenig zurück, faltet die schlanken Hände auf dem Schoß, setzt ein ernstes Gesicht auf und sagt:
– Ihre Frau ist zwar aus der Narkose erwacht, was gut ist, sehr gut sogar, aber dann irgendwann im Laufe des Abends unansprechbar geworden. Die genaue Ursache eruieren wir noch.
– Warum ist sie im Koma?
– So würde ich das nicht sagen wollen. Sie ist nicht ansprechbar. Die Vitalwerte eines komatösen Patienten sehen anders aus.
– Was kann ich tun?
– Es ist zu früh, die Verwandten zu informieren. Am besten kommen Sie um fünf wieder. Da hat Dr. Woodrow Dienst, die war gestern bei der OP dabei.
– Kann ich nicht bei Ihr bleiben?
– Also mir wäre es lieber, wenn Sie sich noch ein wenig gedulden.

Den Rest des Tages verbringe ich im Warteraum. Natürlich rufe ich als allererstes die Verwandten an. Ihre und meine. Meine Mutter will sich sofort in ein Flugzeug setzen: “Ich helf euch!” Dabei interessiert sie sich überhaupt nicht für Hawaii. “Eferding ist auch schön”, sagt sie bei unseren wöchentlichen Unterhaltungen am Telefon. Meine liebe Mutter, die mich über alles verehrt und mir jeden hahnebüchenen Blödsinn durchgehen lassen würd, meine liebe, dicke Mama würd sich mit ihren achtundsiebzig Jahren noch am selben Tag in ein Flugzeug setzen, mir das Geschirr abzuwaschen, weil meine Frau im Krankenhaus ist.

Kellys Eltern sind gerade auf Urlaub in der Provence und kommen erst in zwei Wochen zurück. “Aber wenn es notwendig ist”, sagt Mark mit dieser gewissen Zweisekundenpause, und ich verstehe. “Nein, es ist noch zu früh.” Aber einen Urologen kennt er in L.A., den kann er anrufen, exzellenter Arzt, der weiß ganz sicher, wer der beste ist in Hawaii. Mein Herz sinkt, ich hör Kelly sagen: “Er interessiert sich halt nur für seine Nobelpreisträger. Und sich selbst. Seine Kinder sind ihm schnuppe.”

Um vier kann ich wieder zu ihr. Sie ist immer noch unansprechbar, aber die neue Krankenschwester erlaubt, dass ich ihr vorlese. Ich lese bis weit nach Mitternacht. Der Text, eine Schnulzengeschichte aus der Stimmartisten-bibliothek verschwimmt mir vor den Augen. Ich will nur, dass sie meine Stimme hört, dass der Faden nicht abreißt, der dünn gezwirnte Faden, der in den gelben Nebel hinüberreicht. An dem Faden will ich sie zurückholen. Wirklich sagt sie viele Wochen später: “Da war was, ganz leise, ein Ton nur, ein langer, leiser Ton…” Lieber Gott mach, dass sie zurückkommt! Macht er auch. Aber erst fünf Tage später. Das Paradies ist nun ein anderes. Jeder Blütenblattfarbklecks, jedes Vogelstimmenmausgefiepe um vier Uhr früh ist kostbar. Morgen kann alles weg sein, heute noch, jetzt gleich.

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