Klaus Knoll

Literarische Autoethnografie

Roman

Mallbergfragmente

21.8.2012   Was will ich? Vergeltung? Mitleid? Einsicht schaffen? Beim Täter? Beim Opfer? Jan Philipp Reemtsma: Das Opfer muss vom Täter fern gehalten werden. Sein Rachebedürfnis darf nicht bedient werden, weil sonst das Recht gleich wieder aus dem Lot ist. Mein Besuch bei G.: Rache durch und durch. Feiner halt, nicht die Faust ins Gesicht, bloß ein paar Wörter ins Herz. Aber mit Publikum. Öffentliche Demütigung also. Gehn S’ raus, wenn Sie’s nicht vertragen! zischte ich dem Einarmigen zu, während G. sich wand auf seinem Krankenhausbett.

23.8.2012   Die Form gibt Antwort: Mallberg als Roman, der chronologisch die Ereignisse aus Zöglingsperspektive schildert: eine Wiedergutmachung. MB als Fragment, durchsetzt mit Traum- und Tagebuchresten, Lektüreschnipseln, Therapieberichten, Interviews, Querverweisen auf Inquisition, Traumatheorie, Gedächtnisforschung: eine Irritation. 

Woher kommt das Neue? Aus den Ritzen, Brüchen, Untergängen.

Die Zähne hat er nicht geputzt. Wozu, es kommt doch immer nur das Falsche heraus. Er klettert im Pyjama die Leiter hinauf. Wenigstens dem Präfekten ist er ausgekommen, kann das Stufengebet noch einmal wiederholen morgen früh. Memarieren. Man memariert die Schachzüge, indem man sie an bestimmte Orte des Gedächtnisses ablegt. Genau kann er sich das noch nicht vorstellen. Es ist aber gleich. Was zählt, ist, dass er noch Zweiter werden kann im Klassenturnier, wenn er den Thomas schlägt morgen Abend. Der Thomas hat auch schon gegen den Franz verloren während er selber den Franz komplett besiegt hat. Nur der Karl hat ihn reingehauen, mit einem Bauermatt, was eine Schande ist. Das erste Matt, das sie gelernt haben. Das wird nicht wieder vorkommen. Laimer? fragt der Präfekt hinter ihm. Solltest du nicht zu mir kommen? Peter gefriert auf der Leiter. Grad, dass die Hände noch klammern, Stufengebet, Bauernmatt, was für eine Schande, introibe ad alter dei ad deum qui letifikat, eh noch da, lieber Gott, mach, dass ich nix Falsches sag! Ja sicher, ich hab gedacht, sie holen mich aus der Klasse. Denk nicht soviel, sagt Cermak, komm runter da, ich prüf dich jetzt.

Ein Duft von Weihrauch hängt im Präfektenzimmer. Das Licht ist aus, nur die Kerzen brennen im Leuchter auf dem riesigen Präfektenschreibtisch. Die heilige Messe ist ein Fest, sagt Cermak, das wir feiern zur Erinnerung an das Opfer unseres Herrn Jesus Christus. Und festlich muss es sein in der Seele, sonst ist es eine wertlose Äußerlichkeit, versteht du das? Peter nickt. Also los! In nomine patris, beider Hände gehen zur Stirn, et filii, Peter macht die kleinen, die Kinderkreuze, wie die Mutter sie ihm gezeigt hat. Neinein, sagt der Präfekt leise, du bist doch kein Kind mehr! Du bist ein großer Bursch jetzt und ab morgen sogar Ministrant, Diener des Herrn. Da kannst das große Kreuzzeichen machen. Er zeigt es vor und Peter probiert. Gut, aber tiefer, hier! Der Präfekt führt ihm die Hand, tippt an Stirn, Bauch, Schultern das Zeichen. Das Zeichen unseres Herrn, in dem wir siegen, sagt Cermak. Und nach einer kurzen Pause: Kannst du auch die Worte des Priesters? Juventutam meam… Aber das ist leicht, ganz vom Anfang. Peter legt los: Judica me, deus et discerne causam meam, ohne Atemschöpfen, bis ihn der Präfekt unterbricht: Gut so! Und was heisst das auf deutsch? – Gott, Du bist meine Stärke. Warum willst Du mich verstoßen? – Nicht warum, warum denn! Warum denn willst du mich verstoßen!  – Ah ja! Aber das war ungefährlich, ein Halbwort höchstens und der Präfekt ist auch nicht mehr wirklich zornig, bemüht sich nur streng zu sein. Warum denn willst Du mich verstoßen? Was muss ich traurig gehen, wenn mich der Feind bedrängt? – Emitte lucem? fragt Cermak. Et veritatem tuam, sprudelt Peter heraus, Pisa me deduxerunt und strahlt, es ist alles noch da, jetzt sagt der Ministrant, was der Priester schon vorher gesagt hat: Et introibo ad altare Dei: ad Deum, qui laetificat juventutem meam. – Und dann? Pause, Wahnsinn, Panik. Angst kriecht in den Magen. Peter hält den Atem an. Er hat den Faden… da springt der Präfekt ein: Confitebor tibi in cithara… und dann klickt es: Deus, Deus meus: quare tristis es, anima mea, und Cermak nickt, fragt beiläufig, weil er eh weiß, dass Peter weiß: Und das heißt? – et quare conturbas me? muss dieser erst den Satz zu Ende bringen. Das heißt: GottmeinGott wiekannstuda noch trauern meine Seele. – Ja genau! Wie kann deine Seele noch trauern, wenn der Heiland sie erlöst hat? Peter sagt vorsichtshalber nichts, seine Seele trauert eh nicht jetzt, wo der Präfekt sie erlöst hat aus der ewigen Verdammnis der Kniebeugen und Liegestützen und tiefen Hocken und spürt und weiß, dass es wohlgefällig ist, was er tut, würdig und recht und leiert alles herunter, erleichtert, dass sein Gedächtnis ihn nicht im Stich gelassen hat, vom gloria zum confiteor zum oremus und oramus, und dann noch auf Deutsch, aber das ist leicht, Herr erhöre mein Gebet und der Herr erhört, und lasse mein Rufen zu dir kommen und der Herr lässt es kommen, ganz zu sich. Gemeinsam knien sie nieder und sprechen die Worte gemeinsam, Deutsch zuerst, dann Lateinisch, dann im Sitzen. Der Weihrauchduft ist stärker jetzt. Der Präfekt spricht die Worte mit der tiefen Stimme des Priesters, mein Heiland, mein Hirte, und Peter spürt seine Hand, die große, haarige Hand auf seinem Pyjama. Er  schaut streng nach vorn. Jetzt ist alles gut und er darf es nicht kaputt machen. Die Hand reibt seine Schenkel, fingert am Gummizug der Hose, die Linke unter der Soutane. Peter weiß, was sie dort tut, weiß ohne Wissen, das selbe wie die Rechte, die nun bei ihm ist und sein steif gewordenes Glied behutsam streichelt, introibo ad altare dei. Ad deum antwortet Peter, qui laetificat juventutem meam und konzetriert sich ganz auf die fremden Worte, trennt ab von sich, was er unten spürt. Es geht ihn nichts an,. Das gehört dem Präfekten. Er muss es ihm geben, und freudig, denn sonst schaff Recht mir, mein Gott, und führe meine Sache. Sende mir Dein Licht und Deine Wahrheit, dass sie zu Deinem heiligen Berge mich geleiten und mich führen in Dein Zelt, sagt Cermak und Peter antwortet: Auf Gott vertraue ich. Ich darf Ihn wieder preisen, er bleibt mein Heiland und mein Hirte. Er hat was ausgelassen, da ist er sich ziemlich sicher, aber der Priester lässt es gelten, während die Hand des Präfekten ihn reibt und streichelt, während Peter betet und der Atem des Priesterss lauter wird, die Stimme rauer. Peter weiss nicht, was denken. Sein ganzer Körper ist steif. Aber nicht gefroren, sondern heiß und fiebrig. Nein, sagt er still. Er will es nicht und will es doch. Muss gefallen, Gefallen geben, gefallen lassen. Sein Herz fliegt und steigt auf. Es ist ein Vogel. Der Vogel sieht von oben, wie der Priester betet für die verlorene Seele, wie er sich bemüht, sie zu erretten, sieht staunend und zum ersten Male, wie Ministrant und Priester den heiligen Ritus vollziehen, von Anbeginn der Zeit, geheiligt dein Name, dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden und das Reich, das nicht von dieser Welt ist, steigt herab, erfüllt den Raum mit Licht und Leuchten, höher steigt die Amsel, um nicht verbrannt zu werden, bis Ministrant und Priester nur mehr regungslose Punkte sind, während unten auf Latein erläutert wird, was dem Herrn wohlgefällig ist, was würdig ist und recht, bis ihn zwei Ohrfeigen treffen: Raus mit dir! Geh und wasch dich! Und schau zu, dass du dich nicht wieder besudelst, du Dreckschwein!

27.11.1993   Der Körper erinnert sich, sagt Eulenfeld. Er sagt es im Ton des Sicher-Gewußten. Aber meinem Körper ist das egal. Der gibt nichts her, so schon gar nicht. Da müssten andere kommen, nicht bloß der Eigentümer. Vielleicht mal jemand, der was zu geben hat zur Abwechslung. Darüber könnte man reden. Aber so ganz ohne Gegenleistung, vergiss es! Da hat er mich aber unterschätzt. Der Körper genauso wie der Eulenfeld. Strenge Kammer, Yoga zuerst, dann Meditieren: Erinner dich, du Schwein! Monatelang trickst der Körper mich aus, gaukelt mir was vor. Stummfilm, 30er Jahre. Schmarrn! Ich will’s genau wissen. Eulenfeld lacht: Sie wissen’s doch längst! Seinen Therapeutenschmäh kann er sich behalten. Ich bestraf ihn mit zwei Mal Kranksein, dass er’s nur weiß. Kann ich ihm zwar nicht sagen, weil er sonst das Honorar nachverlangt. Aber bitte! Zumindest probiert hab ich’s.

Abschiedsparty, sagt Martin. Alles ganz harmlos. Du kochst, wenn du magst. Schinkenpastete, wenn ich einen Wunsch äußern darf. Natürlich darf Martin Wünsche äußern. Beim Schinkenschneiden muss er halt mithelfen, weil für eine gescheite Pastete muss das Fleisch vorgeschnitten werden, bevor es in die Küchenmaschine kommt.  Und Spagetti als Hauptspeise, weil die Pastete ist echt viel Arbeit.

Die Party ist dann doch nicht ganz so harmlos, weil der Martin nur Exfreundinnen eingeladen hat. Hat er aber niemandem gesagt, und von den Anwesenden weiß nur die Fritzi, dass er sie gegen die Marion ausgetauscht hat und die Waltraud, dass sie nach der Emmi gekommen ist. Jetzt aber geht der Martin ins Kloster, zur Mühlkommune. Die Intelligenz der Zelle, die nichts will als Ficken. Peter staunt. Was der sich traut. Die vorrevolutionäre Situation in Wien ist de facto vorbei und ein Avantgardist wie Martin kann sich nicht mit diesen Flügelkämpfen aufhalten. Halt’s Maul, du bist doch nur ein Nebenwiderspruch, sagt er lächelnd zu Mimi, die aufspringt, ihm eine langt, sich umdreht zu Peter: Kommst mit? Ihn bei der Hand nimmt, ins Zimmer zerrt, das eigentlich eh seines ist, die Tür zuknallt, den Schlüssel dreht im Schloss, ihren Mund auf seinen drückt. Ich wollt schon den ganzen Abend nichts anderes, sagt sie. Peter gefriert. So geht das nicht. Mimi versteht, bricht aus in Tränen. Der hat mich so fertig gemacht. Weißt du, was das für ein Arschloch ist. Das geht besser. Kann ich hier schlafen? Sicher. Vorn ist die Mimi ganz flach, der weibliche Teil der anglizistischen Intelligentsia, und des feminstischen Nebenwiderspruchs. Privat ist sie aber viel netter als bei der Studienrichtungsvertreterwahl, wo sie die zwei männlichen Kandidaten fertig gemacht hat auf der Wahlveranstaltung. Privat drückt sie sich an Peter und zittert. Halt mich, bloß ein bissl. Das kann der Peter. Sie erzählt, wie Martin immer andere Freundinnen hatte und wollte, bevor er hier bei Peter eingezogen ist. Wie es wirklich zugeht in der WG in der Schillerstraße, wo in Wahrheit jeder mit jedem bumst. Die haben sich einfach die Freundinnen weiter gereicht, sagt Mimi und schluchzt. Ich war ja eigentlich mit dem Robert. Aber redma was anderes. Hast noch an Wein da? Hat er nicht. Er muss also hinaus. Schlüssel drehen, Flasche, zwei Wassergläser. Draußen diskutieren sie noch heftig. Er zieht die Augenbrauen nach oben, grinst irgendwo zwischen verlegen und blöd, hebt die Schultern. Genau richtig macht er das, die meisten grinsen zurück. Im Zimmer gehts weiter gegen den Martin, der ein Charakterschwein ist. Jetzt, wo er die Mimi ein bissl besser kennt, kann Peter sich auch näher zu ihr setzen und nicken, dass die Revolution in der Mühlkommune der ärgste Rückschritt ist seit überhaupt. Sie würde nur mit jemand zusammen sein wollen, der nicht an jeder Hand fünf andere hat. Da ist sie bei Peter richtig. Das könnte er gar nicht, so ist er nicht veranlagt. Natürlich ist die bürgerliche Moral eine Zwangsjacke, und Reich hat er auch gelesen, aber so herumwildern, wie sie das beschreibt – eh klar, unterbricht sie ihn, alle aus besten Familien, Wiener Parteiadel, paar Immobiliensprösslinge dazu, was willst. Peter ist Provinz, das weiß sie, sie ist ja auch aus Linz zugezogen, Arbeiterstadt und ihr Vater technischer Zeichner, der sich das eigentlich nicht leisten kann, dass seine Tochter auswärts studiert. In Wahrheit, sagt Mimi, will er mich nicht in der Hauptstadt haben, aber die Mama ist auf meiner Seite und der Valpolicella vom Hofer ist auch gut. Hast eine Musik? Ja was denn? Mimi geht durch die Platten, legt auf, Dylan zuerst, dann Stones, ein bissl lauter, ein Kuss, kommst mit auf die Matratze?

Nach zwei Wochen verblassen auch die Schemen, die ihn aus dem Schlaf reissen. Was schreist’n so, du Trottel? Es gibt nichts mehr außerhalb der Klasse, nichts außer dem täglichen Zusammensein mit zweiunddreißig Anderen, das mit der Messe beginnt und mit der Geistlichen Lesung endet, ein enges Zusammensein mit Hausaufgaben abschreiben im Morgenstudium, Streiten beim Frühstück, Gemeinheiten in der Schule, Streiten beim Mittagessen, Schweigen im Nachmittagsstudium, Schweigen im Abendstudium, Raufen im Schlafsaal, mit Blitzen beim Einschlafen, Hirnblitzen beim Aufwachen, beim Beten, beim Stillschweigen, beim Lernen, auf dem Fußballplatz, beim Sonntagsfernsehen. Allein sein kann man nur in sich, in der Stunde Mittagsfreizeit und nach der Jause, am Abend, auf dem Gang, wenn man Glück hat und als Einziger bestraft wird, am Morgen auf dem Klo, wenn man absichtlich die Zeit vergehen lässt und sitzt und träumt, der Laimer schon wieder, komm endlich raus, du Faulsack! Allein sein kann man immer, wenn man die anderen nicht beachtet, wenn man seine Hausaufgaben selber macht und bei niemandem abschreibt. Alleinsein ist immer. Allein muss Peter den Inn zeigen auf der großen Karte, auf der keine Städte eingezeichnet sind und keine Grenzen, allein muss er Noten bestimmen, die Namen der Zähne hersagen und die Namen der Satzteile, allein muss er Schweigen beim Aufstehen, allein schweigt er im Studium, allein schweigt er mit Richard, der wegrutscht, ganz wenig nur, aber Peter merkt es doch. Das Reden ist schwerer geworden und an den Händen halten sie sich nicht mehr.

4.1.2013   Körpertherapie bei Lynn Book. In ihrem Unisprechzimmer sitz ich nackt auf ihrer Nacktheit. Die Tür steht offen. Ich höre Schritte, muss extra tief Luft holen, die Angst wegatmen. Das geht vorbei! Lynn hält mich. Aufs Zarteste, Zärtlichste. Liebe überflutet mich. Lebenslust, Gottvertrauen. Wie weiland auf Mutters Arm. Das wär dann alles für heute, sagt sie im Geschäftston. Ich klettere herunter, kram in meinen Sachen, nehm das Kuvert, geb es ihr. Fünfhundert, nicht? sagt sie mit einem Schmunzeln. Ich, nicht ganz sicher, ob das ein Scherz ist: Mach halt auf. Am andern Ende des Assistentenzimmers öffnet sich eine Tür. José grüßt mich. Er ist der nächste Klient. Höchstens ein Meter zwanzig. Wenn man so klein ist, muss es extra schwer sein, sich so herlieben zu lassen, denke ich, mit und ohne Lynn. 

Sie fahren nach Linz. Jetzt, wo sie zusammengezogen sind, will sie ihn doch ihren Eltern vorstellen. Dreizimmerwohnung an der Stadtautobahn. Nicht ganz Großfeld, aber Peter sieht die Ähnlichkeiten. Bürgerliches Wohnzimmer mit Fernseher und Kruzifix in einer Ecke, große Mahagonikredenz mit Glasaufsatz, aus dem jede Menge Bleikristall funkelt in der andern, ein Alpensonnenuntergang über dem Blumensofa. Aber macht nix, hier bitte, und wie war die Reise. Uns is eh nie fad, wir haben immer was zum diskutieren, sagt Peter. Ja, jetzt, wo die Mimi sich aufs Lehramt vorbereitet – und was nehmen Sie zum Kaffee Herr Peter? Zucker, Salz, also wirklich, also Milch? Sahne haben wir auch heute. Peter nimmt Milch, vorsichtshalber und Zucker zwei Stück. Und wann ist es bei ihnen soweit Herr Peter? Ich bin doch nicht schwanger, oder? Verkrampftes Lachen rechts von ihm, wo Mimi mit ihrem viel kleineren Vater auf dem Blumenfeldsofa sitzt. Er konzentriert sich ganz auf die Frau Mama, die offenbar das Steuer führt. Mit Lehramt natürlich, Sie Scherzbold! Naja, ich studier nicht auf Lehrer, mit Publizistik geht das leider nicht. Aha, und dann? Naja, Fotografie wahrscheinlich nach dem Doktorat oder Verlagswesen. Der Peter, hilft ihm Mimi aus, verdient jetzt schon mit seiner Fotografie bei einem Auftrag mehr als ich beim Dorninger in einem ganzen Sommer. Ja, wenn der Auftraggeber zahlt, setzt Peter unnötigerweise hinzu und ob man hier rauchen darf. Man darf. Seit wann? fragt Mimi und Peter zündet sich eine an. Die Mutter kramt in der Kredenz nach einem Aschenbecher, setzt einen kindskopfgroßen Kristallbrocken in Sternform auf den Tisch. Bitte sehr! Heißt das, ich darf jetzt auch? fragt Mimi. Heute machen wir eine Ausnahme, sagt der Vater, aber ab morgen wird wieder auf dem Balkon geraucht. Ah, bitte, sagt Peter, da gehn wir doch gleich hinaus. Komm! dreht er sich zu Mimi. Die hockt ganz klein neben ihrem Vater, hinuntergerutscht bis fast auf den Teppich, wo sie die Handtasche und Sandalen abgestreift hat. Gemma halt hinaus, is eh warm. Notwendig iss es nicht, sagt der Vater und nimmt langsam die Hand von Mimis Brust, wo sie drauf gelegen hat in väterlicher Umarmung, grad lang genug, dass was im Peterhirn auszuckt, ohne dass er es bemerkt. Die gehört mir, sagt die Hand. Aber sehr aufmerksam, man muss ja doch ewig lüften, sagt die Mutter. Auf dem Balkon zieht sie Tomaten, Ganti, eine eher kleinwüchsige Sorte. Das richtige Gemüse, Kürbis und Kraut, was sie auch im Banat hatten, bevor sie in Linz neu anfangen mussten, das ist alles im Schrebergarten in der Postgasse, keine drei Minuten von hier. Wennst willst, kömma nachher dort vorbei schauen. Der Muttertraum ist es, ein Sachele zu haben in der Pension, in Kirchschlag oder sonstwo auf dem Land, aber Mühlviertel müsste es schon sein, weil die Hügel sie erinnern an Arad, wo sie aufgewachsen ist.

15.9.2012   Das deklarative Gedächtnis speichert Fakten und Ereignisse, die entweder zur eigenen Biographie gehören (episodisches Gedächtnis) oder das Weltwissen eines Menschen ausmachen, zum Beispiel Fakten aus Geschichte, Politik, Kochrezepte (semantisches Gedächtnis). Das prozedurale Gedächtnis beinhaltet vor allem motorische Abläufe wie Rad fahren, Schwimmen, Tanzen. Prozedurale Gedächtnisinhalte werden durch implizites Lernen, semantische durch explizites Lernen erworben. – www. de.wikipedia.org/wiki/Gedächtnis

Im Sachele, das noch keins ist, aber doch schon gemauert, mit Zimmer, Küche, Klo, nur Bad gibt’s keins, steht ein großer Zeichentisch, in der Ecke daneben eine Staffelei. Das hast ja gar nicht gesagt, dass dein Vater malt. Ja eh, Sonntagsmaler halt, ich mein, hast gesehen den Kitsch? Er ist ja nur wegen dem Geld technischer Zeichner geworden. Er hätt immer Kunstmaler sein wollen. Ja heißt das jetzt, dass das Alpenglühen in eurem Wohnzimmer – in ihrem Wohnzimmer, sagt Mimi, und ja, das hat er selber verbrochen. Entsetzlich, sagt Peter, und Mimi schmiegt sich an ihn. Aber es ist kein Platz. Vielleicht, wenn man den Zeichentisch zur Seite räumt. Dazu muss man aber erst die riesige Tischplatte abnehmen. Zu zweit lehnen sie die Zeichenplatte gegen die Wand, Peter beugt sich über den Mechanismus, damit er auch versteht, wie die Platte wieder eingehängt wird. Da löst sich der Bolzen und fährt ihm ins Gesicht. Er fällt nach hinten, Blut rinnt aus der Nase. Mimi legt ihm nasse Taschentücher auf, geht zum Rauchen nach draußen, findet mehr Taschentücher, umarmt und küsst und tröstet ihn, dass es schöner nimmer geht, dann müssen sie zurück zum Abendessen.

Es gibt Gulasch, Szegediner mit Kraut und Kartoffeln. Der Paprika muss Rosenpaprika sein, sonst braucht man gar nicht anfangen. Wer beim Zwiebelschneiden nicht weint, hat kein Herz, sagt die Mutter, während Peter versucht, sich zu erinnern, was da war, vorhin auf der Couch. Es ist aber wie weggeblasen. Kein Hauch, kein Schimmer mehr, nur die Mimi so seltsam verrutscht nach unten in der Erinnerung.

14.02.2014   Der Körper hat mich schon wieder schachmatt gesetzt. Stimmschwund. Dabei hat er nicht mal eine Verkühlung zum Vorschützen. Einfach so, Stimme aus. Ein bisschen Hecheln und Heucheln geht noch, dann ist Schluss. Kelly streicht mir den Kaffee, also die viele Milch im latte. Wenn ich unbedingt einen Kick brauch, muss ich Espresso schlürfen. Der Milchverzicht hilft, aber nur bedingt. Stufe zwei ist Akkupunktur. Warum sie da nicht früher dran gedacht hat! Sie macht mir einen Termin.

Die Pflaumenblütenklinik Honolulu ist ein etwa fünfzehn Quadratmeter großer Raum an der Kreuzung University und South King Street in direkter Nachbarschaft mehrerer Studentensaufbuden und indischer Gewürzläden. Die Klinik befindet isch im zweiten Stock. Phil, den ich von einem Hausbesuch und mehreren Behandlungen Kellys kenne, begrüßt mich im von ihm selbst enworfenen chinesischen Priesterornat, eine blütenweiße Seidenjacke mit Kordeln. Darunter trägt er Jeans. Er ist noch dünner geworden. Aus dem Dreiviertelärmel des femininen Ornats schnellt ein sehniger, muskulärer Arm, Typ Lance Armstrong, gefolgt von einem kräftigen Händedruck: How are you?

Phil bittet mich nach hinten. An der Langseite der Pflaumenblütenklinik befinden sich drei große Spiegel. Vor den Spiegeln läuft eine Schubladenreihe unterbrochen von zwei Waschbecken. War das mal ein Haarsalon? frag ich. Ja genau, sagt Phil grinsend, woran hast du das erkannt? Ich grinse zurück.

Mit nacktem Oberkörper und bis zum Knie aufgerollten Hosen liege ich auf dem Massagetisch. Ich enstpanne mich. Die ersten paar Nadeln spür ich kaum, am Hals und mittig auf der Schädeldecke. Vermutlich eine Antenne, um meine Gedanken an die Aliens im mothership zu funken. Das kann ich leider nicht, sagt Phil, meine Lizenz gilt nur in Hawai’i. Die nächsten Nadeln stechen ganz fürchterlich. Das Qi zerrt und zupft an ihnen, dass ich beinah vom Massagetisch fliege. Das ist ganz normal, sagt Phil, besonders wenn jemand noch nie behandelt worden ist. Falsch! ruf ich. Ich bin schon in Hong Kong zehn Mal genadelt worden und davor in New York. Muss aber lange her sein, nach deiner Reaktion, sagt Phil. Da hat er recht.

Er setzt noch je eine Nadel in der Beuge zwischen Daumen und Zeigefinger für die Stimme, dann kommt er die Körpermitte vom Bauchnabel herauf, die letzte direkt unterhalb des Kehlkopfs. Die spür ich kaum. Das war’s, sagt Phil. You are cleared for take off. Close your eyes and relax. Aus den Augenwinkeln seh ich noch, wie er mit den Händen über die Nadeln streicht in magischer Bewegung. Ich sinke tiefer ins Massagebett. 

Im nächsten Augenblick steh ich in der Glaskuppel des Mallberger Patresturms mit seinem Telesekop aus dem 18. Jahrhundert. Mit beiden Händen umfasse ich das Eisengeländer. Tief sauge ich die Luft in meine Lungen. Mörder! Gottverdammte Mörder! Meine Stimme ist größer, tiefer, voller als je zuvor. Was habt ihr euch dabei gedacht? Beim Wegschauen, Weglügen, Vergessen? Die Schwarzkutten ziehen die Köpfe ein, schließen die Türen. Pater Generalpräfekt hat eine schallschluckende Doppeltür mit Lederpolsterung. Dorthin richte ich den Fokus. Feiglinge! Verräter! Mörder! donnert meine neu gefundenes Organ gegen die Doppelpolsterung, schwillt an im Rund des Turmes, zerrt an der Generalpräfektentür, drückt gegen das weiße Viereck, das mit lautem Krachen nachgibt, ins Zimmer fährt und den ehrw. Pater Generalpräfekt gegen die Wand drückt. Wie habt ihr euch das vorgestellt? Was wollt ihr eurem Boss sagen am Tag des Jüngsten Gerichts? Dass eh alles nicht so arg war? Dass andere auch gemordet haben? Dass ihr eure Triebe halt nicht habt beherrschen können? Der wird euch einen Marsch blasen! Einen Scheiß geht es um die Triebe. Es geht wie immer bloß ums Niederhalten, Unterdrücken, Nichtaufkommenlassen. Charakterschweine! Und eingebildet auf das bissl Intelligenz, das ihr immer und grundsätzlich in die falsche Richtung angewendet habt. Würmer! Schlurft nur zurück in eure Kapelle! Dort werdet ihr ihn nicht finden. Ihr habt ja nicht einmal eine Ahnung, wo euer Boss zuhause ist. – Das war eine halbe Stunde, sagt Phil, möchtest du noch ein bisschen liegen bleiben? -  Ja, ich brauch noch fünf Minuten für die Reise vom mothership runter auf die Erde. – Klar Mann, kein Problem.

Am letzten Tag der Osterferien gehen sie zum Schulinspektor. Die Mutter hat einen Termin gemacht wegen seinem ewigen Betteln, dass er ins Realgymnaisum nach St. Pölten will. Aber Bub, wie soll denn das gehen? Da musst ja mit dem Bus… Aber das machen doch andere auch! Der Herr Schulinspektor jedenfalls hat sich extra Zeit genommen, obwohl er am Dienstag eigentlich keine Sprechstunde hat, und erklärt dem Peter, dass Bleiben das Gescheiteste ist für ihn, weil der neusprachliche Zweig eines Gymnasiums für ihn am besten ist. Peter weiß nicht, was sagen zu dem großen, breiten Mann mit der Krawatte, sieht immer nur das Kreuz hinter dem Inspektor an der Wand, die Krawatte, kann seine Augen nicht heben, murmelt was von seinem Einser in Mathematik, und was er später werden will, weiß er noch nicht. Ja eben! Da ist die breitere Ausbildung des Neusprachlichen ganz sicher ein Vorteil gegenüber dem Realgymnasium. Und fünf Jahre Latein kann man auch nicht so mir nix dir nix nachholen in einem Semester. Also lautet das Urteil acht Jahre. Peter ist vernichtet. Ja was hast’n Peterl, das ist doch kein Unglück wenn du später einmal Medizin studieren kannst. Er will im Internat nicht bleiben, vielleicht gibt es ja anderswo auch ein Neusprachliches, aber das geht alles nicht. Bloß weil sie streng sind zu euch. Das ist doch eh das Beste für euch Buben. Ich kann dir doch ganz allein den Vater nicht ersetzen. Du brauchts eine starke Hand, das musst du doch einsehen! Was aber die starke Hand alles macht mit ihm, abends, allein und manchmal mitten in der Klasse, vor aller Augen, das kann er nicht sagen, das bringt er nicht heraus. Es ist ja auch nicht wirklich drin in ihm, lebt nur in Traumfetzen und Nachtgesichten, die er selbst nicht zu deuten vermag.

Die Pension ist mehr Schloss als Gasthaus. Roter Ziegel lugt unter Efeu hervor, eine Martini-Neonreklame leuchtet blass über dem Wintergartencafe, in dem die Tische blitzweiß gedeckt sind. Er gibt sich einen Ruck, geht zur Rezeption, studiert das Schild mit den Preisen. Achttausend Lire pro Nacht, da reicht sein Angespartes für fünf Wochen, wenn er auf Essen und Trinken verzichtet, also drei Wochen mit Ernährung. Er stottert seinen Wunsch heraus. Das Mädchen bringt die Tasche aufs Zimmer, das dunkel ist und schwarzbeholzt mit Himmel über dem Bett. Auf dem Boden Fliesen von vor hundert Jahren, dunkelrot und einige zerbrochen, aber alle blankgeputzt. Die Bettwäsche strahlt im selben gestärkten Weiß wie der Himmel über ihr. Peter spürt, dass er das Richtige getan hat, alle Kameras verkauft und das Fotolabor gleich mit. Er ist angekommen im ganz Andern und stürzt sich in die Arbeit mit Heft und Bleistift. Ein bisschen Steno kann er noch. Das hilft, denn es sprudelt nur so herraus aus ihm: Im Herbst des Jahres 66 kam Peter nach K. ins Internat. Es war die beste Schule des Landes… und als er das erste Mal zum Fenster hinaus schaut, den Kanal bemerkt hinter der Wiese, der das Wasser zum Meer bringt, da ist’s schon Abend und er geht hinunter ins Cafe: Un becchierro di vino bianco per favore. Er trinkt sonst immer nur Roten, aber jetzt will er nichts wie Unterschied und Änderung. Alles wird anders, die Depression wird aufhören, zusammen mit dem Studium, das er auch aufhören wird. Er wird reinen Tisch machen. Er hat seine Bestimmung gefunden. Er wird von jetzt an nur noch schreiben. Er hat Talent. Emminger hats auch gesagt. Emminger, bei dem auch Goethe höchstens einen Zweier mit Doppelplus bekommen hätte wegen seiner unerlaubten Verknappungen. Satzellipsen sind das grammatische Äquivalent der Ausrede. Wenn man etwas zu sagen hat kann mans auch in einem grammatisch vollständigen Satz sagen! Peter macht nur vollständige Sätze, was ihm leicht fällt wegen der vielen Satzbestimmungen. Im Prinzip, denkt Peter, hat mir die Mutter mit zehn genug Grammatik eingetrichtert für den Rest meines Lebens. Und weil er sich das nicht mehr gefallen lassen will, weil er sich überhaupt nichts mehr gefallen lassen will, schreibt er in der Nachtsitzung ein paar unvollständgie Sätze ins Heft. Peter schreibt bis in den frühen Morgen. Beseeligt, betrunken von seinem Glück, sinkt er mit dem ersten Licht ins Bett. während draußen die Sonne aufgeht über fremder Landschaft, fremder Vegetation, mit Macht, erinnert er, mit Kraft bricht an der Tag. Er ist sonst Gedichten gegenüber vorsichtig. Immer kitschverdächtig. Aber dieses hier, ein Revolutions- und Befreiungsgedicht, kein Herzschmerzüberdrussgedicht, wie er sie selber reichlich abgesondert hat mit achtzehn, wie er immer sagt, dabei hat er im Maturajahr schon lang nichts mehr geschrieben, nur mehr Latein und Französisch, bloß durchkommen, aus und durch und alles verschmilzt, verschwimmt ihm, aber das Internat lebendiger denn je und alles gegenwärtig, sogar die Zuckerl im Hosensack. Peter sagt wie’s war und schreibts auf und nichts lässt er aus. Woher er die Amsel nimmt weiß er nicht, sie fliegt ihm zu, er trägt sie nach, lässt sie sterben, endlich stirbt etwas, weil es ist ja nie etwas passiert, also nie in einklagbarem Ausmaß: Er schüttelte heftig den Kopf, aber kein Wort kam aus seiner Kehle, in der es zuckte, in der schwarz und eingesperrt das Nein hockte und mit den Flügeln schlug. Sätze dieser Art schreibt Peter und sie sind grammatisch korrekt und vollständig und nichts ist weggelassen.

Drei Wochen schreibt er. Jeden Morgen, jede Nacht. Schläft am Tag im abgedunkelten Zimmer, hat die schweren Fensterläden geschlossen, die Luft und Sonne abhalten, die die Welten separieren, die die literarische Nachtundmorgenwelt getrennt halten von der geregelten Wirklichkeitswelt, in der Peter seinen Schaffensrausch ausschläft.

28.10.2012  Las die Beichte vom Mitterer Felix. Tiroler Holzschnitt nach Opferberichten angefertigt vom Schnitzer-Toni persönlich, ganz wie die Pieta, ergreifend. Ein bissl alpenländisch halt. Aber die Beziehungsaspekte hat er gut hingekriegt.

Zurück im Internat will er nichts als weg. Nach innen geht es nicht mehr, nur noch nach vorne, in die Zukunft, ins Offene, Unwissbare. Astronomie und Mondlandung, Leben im All, Doppelsternsysteme und der Atomkrieg der Zukunft, in dem die verstrahlte, schon todgeweihte Mutter das Kind zur Rettung hochhält. Aber das ist nur science fiction und im wirklichen Leben geht’s nicht so glimpflich ab, denn als am 16. Juli 1945 der Mensch das Licht der Sterne entzündet, heller als tausend Sonnen, da wird es der Todesstrahl und seine größte Finsternis. In der Nacht sagt er die Namen der Galaxien her, auf denen Leben möglich wäre und hält Vorträge über die Vor- und Nachteile der Apollo-Wasserlandung. Denn obwohl Schiffe aufgestellt sind rund um die Landezone, alle mit Spezialradar, so kann es doch passieren, dass der Astronaut abgetragen wird vom Wind oder schlimmer noch von einer Fehlberechnung, oder dass eins der Antriebsaggregate mehr Dampf entwickelt hat als vorgesehen, dann ist der Astronaut verloren und erstickt in seiner Kapsel, in der er hilflos auf dem Wasser treibt, wenn ihn die Rettungsmannschaft nicht rechtzeitig findet. Das kann Peter sich gut vorstellen, das langsame Vergehen im Dunkel. Die USS Hornett, die die Kapsel der Apollo 11 aus dem Wasser gefischt hat letztes Jahr, völlig rechtzeitig und live im Fernsehen, die lässt er mitgehen aus der Spielzeugabteilung im Passage Kaufhaus, weil der Georg gesagt hat: Das traust dich nie! Aber das Herzklopfen macht ihn schwindlig und die Schachtel ist viel größer als er gedacht hat und passt in sein Jausensackerl nicht hinein, also nimmt er den Hubschrauber daneben und als Georg sich lustig machen will, sagt er nur: Mach’s doch selber! Da ist der Georg still und nächstes Mal traut sich der Peter noch mehr und am Ende schafft er auch die Hornett mit dem Wanderrucksack und baut sie aus tausend Einzelteilen auf in der Abendfreizeit von Mai bis Schulschluss und das Zeugnis ist entsprechend, drei Vierer, kaum Einser und die Mutter tief enttäuscht. In den Ferien muss er lernen, was nur hineingeht in seinen Kopf. Es ist aber nicht viel.

27.3.1989. Cermak sitzt im Schneidersitz auf dem Lehmboden und löffelt Fliegenpilzsuppe. Sein schlaffes männliches Glied hängt in den Teller und tröpfelt Flüssigkeit in die Suppe zurück. Heilige Schauer der Verzückung laufen durch seinen Körper. Sein Gesicht ist in blödem Lächeln erstarrt. Die verdrehten Augen verraten die äußerste Ekstase. Mein Freund, der Expeditionsleiter Harry Meller, greift nach dem Messer, führt es in kurzem, tiefem Schnitt quer über den Präfektenbauch, spreizt die Wunde mit Daumen und Zeigefinger, zieht unzählige blut- und kotverschmierte Fetzen aus dem Inneren: Da schau dir diese Schweinerei an. Zuerst alles verdrängen und dann somatisieren bis zur Vergasung! Die stinkenden Fetzen sammelt er in einem Haufen neben dem Suppenteller: Die kannst du schon mal wegräumen. Mit einer raschen Bewegung der Rechten stopft er eine Handvoll Wespen in den Bauch des Präfefkten. Das reinigt die Gedärme! Dann näht er die Wunde mit zwei Stichen zu. Cermak hat kaum etwas von dem Vorgefallenen bemerkt, ein klein wenig vielleicht, dass seine Verzückung sich noch intensiviert hat.

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