Klaus Knoll

Literarische Autoethnografie

Kurze & Kürzeste

Mittendrin

Beim dritten Grießpudding wusste ich, ich würde alles tun, dass Lena bliebe. Noch hatte ich Mühe das neue Erdzeitalter zu buchstabieren. Die ganze, große Welt und mein kleines Leben, die abendländische Kulturgeschichte, die Musik, die wir grad hörten, die Filme, die wir uns ansahen, alles entstammte einem nebuloses Vor-Julia, alles endete im Mit-Julia der jüngeren Vergangenheit. Nun sollte ich plötzlich im Nach-Julia leben. Ich konnte nicht. Mein Freund Norbert verordnete Therapie: „Geh in Garten, setz dich in Käfig und schau, ob du nicht irgendwann wieder raus magst.” Ich hatte mich eben niedergelassen in dem Weidenrutenkegel, den wir ein paar Jahre zuvor gemeinsam aus Jux gebaut hatten, als seine Älteste kam: “Spielst mit mir Federball?” – “Ja sicher.” Aber schon nach drei Minuten hatte Katharina genug von mir, weil ich im Käfig keinen Ball erwischen konnte. “Du bist so was von blöd!” sagte sie und zog ab ins Haus.

Auf diesen Moment musste Lena gewartet haben. Augenblicks stand sie vor mir, fackelte nicht lange: “Du bist der Papa, ich die Mama. Aber wir haben noch kein Baby. Ich geh eins holen. Ach nein, ich koch uns zuerst Abendessen. Grießpudding, lecker!”

Lena brachte Sandkuchen, lehnte einen Moment ihren Kopf an meine Wange, “Wir müssen schlafen!”, sprang auf, Frühstück zu machen: Grießpudding. Mir wurde schlecht beim Gedanken an die Unmengen Sand, die ich noch würde schlucken müssen. Ich schaute in den Himmel, sah Regenwolken aufziehen.

Der Mäusekönig kam zu Besuch, zog kurz darauf bei uns ein. Lena rettete ein Wolfsjunges vor dem Jäger, doch schon bald lief es uns davon, und weil ich aus meinem Käfig nicht heraus konnte, hatten wir keine Chance, es wieder zu finden. Trotzdem schlüpfte Lena alle zehn Minuten zu mir ins Haus, berührte kurz meine Wange, sprang nach Sekunden wieder auf, von der Tarantel gestochen: “Ich muss Milch holen, wir haben ja keine Milch mehr!” Sie lief davon, kam in der selben Minute zufrieden grunzend zurück, setzte mir mehr Grießpudding vor die Nase, unser aller Lieblingsfrühstück, wie sie mir versicherte, auf das wir uns stürzten wie ein Rudel hungriger Ringelschwanzmungos, eine Sorte besonders gefräßiger Raubtiere aus Madagaskar, und ob ich wirklich keinen Fernseher hätte, wie der Papa neulich behauptet hatte.

Später begann sie, Verbesserungen am Haus durchzuführen, legte Äste dran, baute ein Kinderzimmer für den Mäusekönig und das Wolfsbaby, weil die doch Zwillinge waren, und einen Stall für den Hasen, den sie sich wünschte. Einen Garten hatten wir schon, wir waren ja mitten drin.

 

In: Literarisches Österreich. Sonderheft ”aus der Zeit gefallen”, Wien 2013

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