Klaus Knoll

Literarische Autoethnografie

Kurze & Kürzeste

Nachbeben

“Sie erinnern mich an jemand, den ich einmal sehr geliebt habe”, sagte er. Zwei Stunden später lag er in ihren Armen. Er konnte nicht glauben, dass es so einfach war, aber es funktionierte. Er baute das Verfahren aus, ließ nur mehr ahnen, dass es eine angenehme Erinnerung sein musste, die ihn dazu veranlasste, die Grenzen der Konvention zu strapazieren. Mit der Zeit ließ er das Begehren weniger aus den Worten, mehr aus den Augen kommen. Er verbrachte viele Stunden mit seiner Suche, nahm Witterung auf und Duft. Ohne zu überlegen spürte er, wann der richtige Zeitpunkt gekommen war, manchmal schon auf der Straße, manchmal im Café, im Bus, in der Parfümerie. Es funktionierte so gut wie immer.

Eines Tages lief er einer hinterher, die erinnerte ihn wirklich an jemanden. Wie gewohnt wollte er sich Zeit nehmen, Beine und Hüften auf sich wirken, die Fantasie, den Mut in Schwung kommen lassen. Es beschlich ihn jedoch eine seltsame Unruhe, er spürte seine Sätze durcheinander geraten. Weil er nicht stotternd vor ihr stehen wollte, beschleunigte er seinen Schritt, ging ihr vor, wagte auf gleicher Höhe nichtmal einen Sekundenblick aus Augenwinkeln, er war ohnedies ganz sicher, diese oder keine, hielt an, stand errötend seiner Mutter gegenüber.

Von da an erinnerte ihn keine mehr.

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