Klaus Knoll

Literarische Autoethnografie

Kurze & Kürzeste

Nachbeben

“Sie erinnern mich an jemand, den ich einmal sehr geliebt habe”, sagte er. Zwei Stunden später lag er in ihren Armen. Er konnte nicht glauben, dass es so einfach war, aber es funktionierte. Er baute das Verfahren aus, ließ nur mehr ahnen, dass es eine angenehme Erinnerung sein musste, die[...]

Kurze & Kürzeste

Ausland

“Hong Kong? Da bist ja ordentlich im Ausland”, schreibt der Freund. Er, auch nicht maulfaul: “Ich bin eigentlich immer im Ausland, auch und besonders im Inland. Ich bin mittlerweile  im Fremdsein so zuhaus wie ein anderer in Eferding oder in Grieskirchen.”

Japanbriefe

Sangai

Fremdsein ist ein gewaltiges Handwerk,  das Fleiß und Fertigkeit erfordert. Franz Werfel     Die Lage ist auf einen Blick klar: Wir befinden uns im Frachtenaufzug in einem der vielen Lagerhäuser des New Yorker Galerieviertels Chelsea. Im dritten Stock zeigt Yancey Richardson Arbeiten von Hiroshi Sugimoto. Vor uns eine vielleicht[...]

Japanbriefe

Japan heute

Das erste Signal aus Fukushima sind die Sirenen in Honolulu.  Es ist zehn Uhr abends. Meine Frau und ich sitzen in etwas, das früher die Garage war, genauer gesagt der gemauerte Teil, auf dem der Rest der Holzhütte sitzt, die hier in Palolo Valley an den Hang geklebt ist, noch[...]

Wir bleiben auf Oahu. Gesagt, getan, gesiedelt. Das einzige was noch fehlt, ist eine Bleibe. “Craisglist”, sagt Kelly, “die hat uns ja auch in L.A. schon gute Dienste geleistet.” Hunderte Angebote, aber Schneckentempo im Netz, weil das Signal aus dem 50. Stock halt nur sehr schwach ist, hier unten im[...]

Japanbriefe

Kohi

Kaffee ist in Japan immer teuer und meistens grauslich. Am teuersten und grauslichsten ist er im Kaffeehaus, wo man die Wahl hat zwischen uina (“Wiener”, offenbar Melange, in Japan — semper et ubique — eine hellschwarze Brühe, auf der ein paar traurige Fettaugen schwimmen) und amelican kohi (American coffee: Euphemismus zur Bezeichnung einer bonbonfarbenen, sehr heißen Brühe). Eine Espressomaschine habe ich noch in keinem dieser Etablissements zur Massenvergiftung gesehen.

Kurze & Kürzeste

Mittendrin

Beim dritten Grießpudding wusste ich, ich würde alles tun, dass Lena bliebe. Noch hatte ich Mühe das neue Erdzeitalter zu buchstabieren. Die ganze, große Welt und mein kleines Leben, die abendländische Kulturgeschichte, die Musik, die wir grad hörten, die Filme, die wir uns ansahen, alles entstammte einem nebuloses Vor-Julia, alles[...]

Paradiesberichte

Zinseszins

Wie kommt der Mensch nach Hawai’i? Als Urlauber, was sonst. Besonders als Nachwuchsjapaner. Japan also und verheiratet und das erste Kind unterwegs. Drei Jahre waren wir schon in the most different country. Höchste Zeit, unser Gastland kennenzulernen. Als Alleinunterhalter in der japanischen Provinz, sprich Lektor am Germanistikinstitut, wäre das aus[...]

 Auszeichnungen 2013  Preisträger des Wettbewerbs Zwischenwelten der 9. Bonner Buchmesse Migration 1986  Literaturförderpreis des Landes Oberösterreich mit 2-Jahres Stipendium Literarische Veröffentlichungen 2014  “Zuletzt”, in: Reibeisen Nr. 31, Kapfenberg 2014  “Kohi & “Königliche Hoheit”, in: Kaffeehausgeschichten, Wendepunkt, Weiden 2014  “Den Präfekten im Nacken”, in: Reportagen #15, Bern 2013  “Mittendrin”, in: Literarisches Österreich. Sonderheft[...]

Japanbriefe

Fuzzy logic

Der Entdecker der fuzzy logic war ein radfahrender Japaner, oder genauer gesagt, ein Beobachter japanischer Radfahrer, denn solange ein Japaner auf dem Fahrrad sitzt, kann er weder etwas beobachten noch entdecken, da er sich in tiefer Trance befindet, einem Zustand, der sich am ehesten noch mit den Geisterfahrten eines sibirischen Schamanen vergleichen lässt, der zu diesem Behufe freilich erst mehrere Fliegenpilze zu sich nehmen muss. Die hiesigen Radfahrer sind aber sicher keine Fliegenpilzfresser, eher schon Valium-Zombies, wenn man unbedingt einen pharmakologischen Anhaltspunkt braucht.