Klaus Knoll

Literarische Autoethnografie

Japanbriefe

Sangai

Fremdsein ist ein gewaltiges Handwerk,
 das Fleiß und Fertigkeit erfordert.
Franz Werfel

 

 

Die Lage ist auf einen Blick klar: Wir befinden uns im Frachtenaufzug in einem der vielen Lagerhäuser des New Yorker Galerieviertels Chelsea. Im dritten Stock zeigt Yancey Richardson Arbeiten von Hiroshi Sugimoto. Vor uns eine vielleicht dreißigjährige Japanerin, Designer-outfit, sündhaft teures Handtaschi, ellenbogenlange Handschuhe, alles in creme. Sie ist vermutlich etwas beunruhigt. Für Tokioter Verhältnisse ist schon das Ambiente der nächstgelgenen U-Bahnstation ein Dritte-Welt-Szenario. Frachtenaufzug kennt sie wahrscheinlich nur aus dem Fernsehkrimi. Ganz sicher ist sie verwirrt: Namensschilder im Frachtenaufzug gibts in ganz Chelsea nicht. Wir stellen uns schweigend hinten an, die Türe schließt. Die Japanerin schielt hilflos auf die Knöpfe. Ich, seit drei Tagen unrasiert, murmle, gerade an der Hörbarkeitsschwelle: sangai desu (Es ist im dritten), wobei ich – ganz korrekt – das abschließende U mehr denke als artikuliere. Woraufhin die behandschuhten Ellenbogen zur Seite  und in die Höhe fahren, das Handtaschi zu Boden fliegt und unsere Liftgenossin drei völlig unkontrollierte, spitze Schreie ausstösst. Sie hat sich aber so schnell wieder in der Gewalt, dass ich ihr das lederne Schmuckstück zwar noch aufheben, dann jedoch nur noch wortlos überreichen kann.

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