Klaus Knoll

Literarische Autoethnografie

Essays

Was bleibt

“Gambatte!” ruf ich der Kaffeemaschine zu, wenn sie stottern beginnt: “Streng dich an!” Das ist fast echt und ganz ohne Nachdenken gesagt. Ganz echt ist meinem Leben gar nichts mehr, weil ich seit Japan weiß, dass alles, ich mein: echt alles, auch anders sein könnte, und dass das, was ich für den innersten, persönlichsten und unverlierbaren Kern meiner Existenz gehalten hab, auch bloss ein Produkt meiner oberösterreichischen Mostbirnenkultur ist. Bemerkt hab ich das ursprünglich nicht an mir selber, weil das glaub ich gar nicht geht, sondern an den jungen Japanerinnen, die massenweise genau das selbe Verhalten an den Tag legten, wie meine japanische Freundin in Österreich ein paar Jahre davor. Es war ein leiser, spitzer Schmerz, mir eingestehen zu müssen, dass diese spezifische Art die Augen zu verdrehen oder der eigenartige Winkel der Hand, wie sie mir über den Unterarm zu streichen pflegte, etwas, das ich die ganze Zeit über und noch lange danach als Gipfel der Intimität und Ausdruck ihres innersten Wesens anschaute, bloß die ganz normale Art war, wie frau das eben tat und zu tun hatte. Noch einmal was anderes war es dann, die an sich nahe liegende Schlussfolgerung zu ziehen, dass mein eigenes Verhalten nicht weniger kulturell kodiert ist als das der armen Japanerinnen, die halt nicht aus ihrer Haut können.

Pachinko, Takamatsu, ca. 1998

Pachinko, Takamatsu, ca. 1998

Zumindest das mit dem “nanni” ist in jüngster Zeit besser geworden, auch wenn es ein paar Jahre gedauert hat. Es war so eingraviert ins Zentralnervensystem, dass es mir die längste Zeit gar nicht aufgefallen ist, dass ich dauernd “nanni” sag, wenn ich was nicht versteh. “Nanni?” korrekt transliteriert: nani, bedeutet “was?” und ist die unterste (Un)höflichkeitsstufe im insgesamt doch recht ausgefeilten System, wie man sich als Mensch mit Mitjapanern, Frauen, Kindern, Tieren, soweit man sie nicht zu verspeisen gedenkt, und Ausländern verständigt, auf Ostmittelbairisch also ungefähr “Ha bitte?!” Mir hingegen war es Ausdruck dessen, dass ich endlich auch ein bissl dazugehörte, dass ich nicht nur Lehrbuch- und Touristenjapanisch reden konnte, sondern unter günstigen Bedingungen auch ein paar Brocken echtes Japanisch ausstoßen konnte. Woran man unschwer erkennen kann, dass ich noch immer zum Fürchten naiv und mir das Wahre, Echte, Schöne noch nichteinmal zum Problem geworden war. Mittlerweile und nach dem Ende der allein gültigen Wahrheiten sind mir Japan und das Japanische als Sprache, Küche und Kultur Hinweis und Erinnerung daran, dass zwar alles auch anders sein könnte, gleichzeitig aber auch alles immer das selbe ist, besonders unter einer gewissen Ttravnicek- und Mostbirnen-Perspektive.

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 In: Literarisches Österreich. Sonderheft “Der Blick aus dem Fenster”. Wien 2011

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