Klaus Knoll

Literarische Autoethnografie

Paradiesberichte

Zinseszins

Wie kommt der Mensch nach Hawai’i? Als Urlauber, was sonst. Besonders als Nachwuchsjapaner. Japan also und verheiratet und das erste Kind unterwegs. Drei Jahre waren wir schon in the most different country. Höchste Zeit, unser Gastland kennenzulernen. Als Alleinunterhalter in der japanischen Provinz, sprich Lektor am Germanistikinstitut, wäre das aus vielerlei Gründen angebracht gewesen. Es war aber unmöglich, weil ein Urlaub, der diesen Namen verdient, in Japan ein ganzes Jahresgehalt verschlingt. Urlaub in unserem Sinne können also in Japan nur Millionäre machen. Die aber sind zu beschäftigt um sich mit solchen Kinkerlitzchen abzugeben. Das war dramatisch klar geworden, als ich im April zuvor auf einer innerjapanischen Erholungsreise bestanden hatte, für die wir nach langem Hin und Her eine Woche Okinawa gebucht hatten, wo wir dann die ganze Zeit am Strand lagen als einzige Warmblütler weit und breit. Keine Menschenseele, vom Waldrand bis zum Horizont nicht mal ein Cola-Automat oder sonst eine Blechkiste, in die man hundert Yen hätte reinstecken können. So was von unterhaltungsfeindlich und geschäftsuntüchtig, das hätte man den Japanern gar nicht zugetraut. Nur einmal blieb hinter uns ein Reisebus stehen und zwanzig ältere Paare hüpften kichernd heraus um reihum Fotos zu machen. Nicht von sich oder dem Pazifischen Ozean oder von sich selber mit dem Ozean als Hintergrund, sondern von uns, mir und der Dorli, wie wir auf Badetüchern am Strand von Okinawa liegen. Dolores war fuchsteufelswild: “Was glauben die eigentlich! Dass ich ein Stück Vieh bin? Im Zoo? Zum Anstarren und Abfotografieren?!” Ich aber war schon besser japanisiert und verbarg meinen Zorn hinter einem Dutzend Bücklingen, bitte sehr, wenn Sie das möchten, kein Problem, Danke sehr! Das war vom schon zur Routine gewordenen Ehestreit mit Anschreien und Handauszucken abgesehen das einzige Ereignis der Woche. Ein zweites Mal wollten wir uns das nicht antun. Ersatzhalber wählten wir also Hawai’i. Wie der Rest der Bevölkerung auch. Circa zwei Drittel aller Japaner verbringen ihren Urlaub in Hawai’i, das ist zwar nicht amtlich, sondern nur eine unsystematische persönliche Beobachtung fünfzehn Jahre danach vom Strand in Waikiki, bessere Zahlen hab ich aber leider nicht, weil sich der Japan Almanach darüber ausschweigt. Oder auch nicht. Die Wahrheit ist, dass ich mein Exemplar des Japan Almanachs, der alles enthält, absolut alles, was sich über Japan in Zahlen ausdrücken lässt, nicht finden kann, obwohl ich genau weiß, wo es sich befindet: Zimmer 406 des Art Buildings der University of Hawai’i Manoa, mein Büro, das sich innert zweier kurzer Jahre zum Groß- und Hauptlager meines Nomaden-lebens entwickelt hat, in dem sechsundachtzig Kartons feinsäuberlich gestapelt und nummeriert dem Besucher entgegen grinsen. Nur ist leider mittlerweile kein Platz mehr, die Kartons umzuschlichten. Weshalb ich erst gar nicht probiere, den Japan Almanach zu verorten. Ich glaub aber trotzdem, dass über Hawai’i nichts drinnen steht, ausser, dass von 1996 auf 1997 die Durchschnittsdauer ehelichen Gesprächs von sieben auf sechseinhalb Minuten täglich gesunken war. Ungeschickterweise haben die Japaner mich und Dolores nicht mitgezählt, weil wir haben uns jeden Tag so ausführlich angeschrieen, das hätte die Statistik für ganz Japan verbessert. 

Wir waren in jeder Hinsicht urlaubsreif. Ich weiß nicht mehr, wer als erster Hawaii sagte, noch ganz ohne Apostroph, aber ich war sofort dafür: Feuer, Flammen und ein  Ozean, der diesen Namen auch verdient, nicht bloß immer dieser mittelgroße Fleck Gebrauchswasser zum Container drauf herumschieben, an dem wir hausten, den die Hiesigen Japanese Inland Sea getauft hatten. Das Internet war damals unser Rettungsanker, besonders im Fall Hawai’i. Weil ein Hawai’iurlaub, den man persönlich im Reisebüro bucht, falls man sich dort überhaupt verständlich machen kann und nicht der Einfachheit halber in die Wüste geschickt wird oder ins Tokyoter Disneyland, weil ein solcherart gebuchter Hawai’iurlaub garantiert genauso unbezahlbar ist wie die innerjapanische Variante. Man kriegt allerdings vermutlich eine Maniküre gratis dazu. Oder einen Gutschein für Zehenmassage oder Zuckerl. Gutscheine waren groß in Mode im deflationsgeplagten Japan der Neunziger, für den gaijin aber meist nutzlos. Hawai’i also, ganz ohne Gutschein aber schon mit Apostroph und auf eigene Faust.

Zuvor war noch die Frage zu klären, welche Insel oder Inseln wir denn besuchen wollten, weil, wenn der Uneingeweihte Hawai’i sagt, ist ihm meist nicht klar, dass das in Wahrheit hundertzweiunddreißig Dinger sind, die da aus dem Pazifik hervorlugen. Sicher, manche lugen nur ein ganz kleines Bissl heraus aus dem vielen Blau, andere, wie etwa Big Island (aber da verrät es ja der Name schon) sind nachgerade gewaltig. Regulär bewohnt sind sieben. Eine achte ist privat, da kommt man nur mit Einladung hin. Ich jedenfalls war von den Vulkanen so in Bann geschlagen, für mich kam nur Big Island in Frage. Dolores hingegen wollte bloß Meer. Als Brasilera aus der Küstenstadt Natal hatte sie ein Anrecht auf die größtmögliche Menge Blau. Wir einigten uns daher auf die Küste von Kona

Es war aber Weihnachten und Platz gab es nur noch auf den hundertvierundzwanzig unbewohnten Inseln. Verhandlung. Sommer mit unserem dann fast noch Neugeborenen? “Spinnstu, glaubst ich ärger mich hier noch ein halbes Jahr herum, bevor ich ausspannen kann!” Dorli hatte natürlich recht, in sechs Monaten wären wir einander sicher an die Gurgel gegangen. April? Golden Week? “Da bin ich im siebten Monat. Was glaubst wie ich da ausschau am Strand im Bikini? Hast du sie noch alle?” Das war eine berechtigte Frage nach allem, was bisher vorgefallen war. Ich ging aber nicht darauf ein, und das Problem Urlaub wurde, wie alles bei uns, entschieden durch Wegschauen, Vertagen und Ignorieren. Diese Methode hatte sich schon bei anderen Problemen bewährt und als wir Anfang April plötzlich mit einer sehr zerbrechlichen, zwei Monate zu früh geborenen Tochter dasaßen, war von Hawai’i keine Rede mehr. Meine Gene, die endlich den Sprung in die nächste Generation geschafft hatten, überschütteten mich mit einer derartigen Menge von Glücks-hormonen, dass ich überhaupt nicht bemerkte, wie ich von ihnen zur Erlangung des ewigen Lebens versklavt worden war. Ich war so aus dem Häusl, dass ich mich auf der Straße umdrehte, ob eh niemand was bemerkt, wie angesoffen ich bin von meinem Glück. Die Japaner sind da gottseidank sehr zurückhaltend und ich machte mir diese Sorgen völlig umsonst. Nach sechs Wochen waren wir dann wieder halbwegs auf Normaltemperatur: “Ich halt’s hier keinen Tag länger aus. Wenn hast denn endlich Ferien? Du hast uns doch versprochen…” Uns. Da war mit dem kleinstmöglichen Wort für die vorhersehbare Zukunft geklärt, auf welcher Seite etwaiger familiärer Dispute die kleine Ixia ihre Stimme würde abgeben dürfen. Also ab ins Internet.

Anfang Juli war es dann endlich soweit. In einer 747 voll urlaubshungriger Japaner, die sich alle über Ixia entzückten, wurden wir nach Honolulu verschickt. Von dort gings direkt nach Big Island, direkt an den Strand: Weialaweia du wogende Welle! Ixia war hingerissen. Wasser war ihr Element. Da wussten wir noch nicht, dass sie spastische Diplegie haben würde: “Dein behindertes Kind!” Da waren dann meine Gene Schuld.

Am dritten Tag unternahm ich einen Ausflug ins Vulkanland, sah Felszeichnungen, Nebel, Wüste, kraxelte durch elf der dreizehn dem Menschen bekannten Klimazonen. Dann auf der Nachhausefahrt in einer weiten Rechstkurve erwischte es mich. Es war nix besonderes, grad ein bissl Gras, das dort den Hang hinauf etwas höher stand. Ich versuchte gar nicht erst, es zu fotografieren. Es war, es ist, es war eine so zarte Schönheit, dass ich sofort wusste, dass ich sie nicht würde auf Film bannen können. Ich stieg trotzdem voll auf die Bremse, raus aus dem Corolla und schaute, wollte stundenlang nur gaffen. Zusehen, wie Wolkenschatten über das Feld vor mir wandern. Feld ist gar kein Ausdruck, ein unbearbeitetes Stück Land, nicht Wiese, nicht Weide, einfach nur Gegend. Die Andeutung eines Fußwegs mäanderte auf halber Höhe den Berg entlang, drehte ab nach rechts, dort standen ein paar dünn-fingrige Bäume. Vielleicht liegt es ja auch nur daran, dass in Japan kein Platz ist für nix. Die meisten Japaner träumen davon, nach der Pensionierung ein riesiges Stück Land in Australien zu erwerben. Um mich war es nicht besser bestellt. Zehn Minuten starrte ich in die Heidelandschaft. Im nächsten Dorf musste ich tanken. Neben dem Aloha Gas stand eine Bretterbude mit Bank of Hawai’i Logo. Dort ging ich hinein. Ohne Nachdenken. Fragte, was Mindesteinlage wär auf ein Sparbuch, zog zweihundert Dollar aus dem Börserl, echt soviel Grün hatte ich damals immer dabei, und schob sie dem Angestellten rüber. Als Adresse gab ich die Uni an, zur Sicherheit. Und warum? Ich hatte plötzlich die Eingebung, die sich innerhalb von Minuten zur Gewissheit verdichtet hatte, dass, wenn ich ein hawai’ianisches Sparbuch besäße, ich eines Tages wiederkommen würde. Unweigerlich. Idée fixe heißt das bei den Franzosen, magisches Denken bei meinem Analytiker. Ich aber lächelte. Meiner Frau sagte ich von dem Sparbuch nichts. Sie kam in meinen Hawai’iplänen nicht mehr vor.

Genau acht Jahre und ein Leben später, saß ich mit meiner nunmehr dritten und endgültig letzten Ehefrau in Los Angeles. Wir spielten schon wieder Haus. Diesmal als Architektur-fotografen. Das war an sich recht lustig, und Kelly, ein wirkliches Talent, greift sich in jeder Stadt, in der wir zufällig landen, gleich den Falter oder die Zitty, sucht sich und uns Job und Apartment, “just checking”, sagt sie und grinst. Unlustig war nur, dass es genau jener Abschnitt am Übergang zum digitalen Zeitalter war, als jeder Architekt einen Neffen mit nigelnagelneuer Digitalkamera hatte, der ihm viel mehr Bilder für viel weniger Geld wenn nicht gar ganz umsonst machte. Und digitalisiert waren die auch schon, internet-ready. Wir aber konnten nur auf Architektur machen, weil für Modefotografie, also das kauft dir mit knapp fünfzig keiner mehr ab. In der Architektur hingegen, da kannst schon ein bissl gesetzter sein, wennst die Großformatkamera verstellst vorn mehr und hinten weniger. Es war dann trotzdem eine Hetzerei jedes Mal, wenn wir einen Job hatten, also genau drei Mal in dem Jahr, weil die Großformatfotografie eine Schnecke ist, das kann man sich als Unein-geweihter gar nicht vorstellen. Acht Aufnahmen an einem Tag sind gut, zwölf olympiareif. Zumindest in einer Hinsicht hatte ich aber Recht: Häuser sind als Subjekte praktisch, weil sie sich nicht wegdrehen oder unauffällig ein bissl nach hinten stellen. Andererseits sind sie recht unbeweglich und lassen sich auch nicht sagen: “Ein bissl freundlicher bitte!”, und groß sind sie auch, besonders Museen und Wohnblöcke, da muss man rennen wie nicht gescheit, damit man die Sonne noch im richtigen Winkel erwischt, bevor der Schatten den Haupteingang erreicht und das schöne Designerlogo für den Rest des Tages auslöscht. Wegen der vielen Architektenneffen hatte ich uns auf diversen Websites auch für Hawai’i eingetragen, war ja nur ein Katzensprung von L.A.

Prompt, nach etwa sechs Monaten kam die erste Anfrage herein: Ob wir nächste Woche verfügbar wären in Honolulu eine Bar zu fotografieren? Und wie wir verfügbar waren! Wir hätten uns praktisch ausgezogen dafür. Darf man aber nicht sagen, weil das drückt auf den Preis. Also bangen Herzens zurückmailen, dass wir bis Donnerstag leider völlig ausgebucht sind, für die Firma Arch+Cie aber gerne auch am Wochenende tätig werden. So kam es auch und zum Abschluss sagte mir die Chefin von Hawai’i Architects: “Also wir haben hier überhaupt niemand mit Großformatkamera. Wenn Sie für ein paar Monate kommen wollen, gibt’s vermutlich endlos Arbeit für Sie.” Mehr brauchten wir nicht nach dem Desaster von L.A. Wir beschlossen, uns zu verändern.

Gesagt, getan, gesiedelt. Das einzige was noch fehlte, war eine Bleibe. “Craisglist”, sagte Kelly, “die hat uns ja auch in L.A. schon gute Dienste geleistet.” Hunderte Angebote, aber Schneckentempo im Netz, weil das geborgte Signal aus dem 50. Stock halt nur sehr schwach war, unten im Mietwagen an der Kreuzung Kualani und Nu’uanu. Die Ortsnamen klangen zwar alle ganz paradiesisch: Mapunapuna, Haleiwa, Manoa, sobald man aber auch nur einen dieser Paradiesnamen erinnern soll oder 30 Sekunden später wiedergeben, merkt man, dass eine Sprache, die aus grad mal sieben Konsonanten gebaut ist, gewaltige Tücken hat. Wie weiland in Japan klang alles gleich und die Silben gerieten uns durcheinander. Wir kamen ins Schwitzen. Die zwei Zimmer mit Dschungelblick, war das jetzt in Maunaloa, Maunawili oder Mapudingsbums. Da wussten wir noch nicht, dass es zu dem Thema mehrere Dissertationen gibt. Und überhaupt, wo liegen Wahiawa, Waianae, Alawai und Ala Moana? Waikiki, das zumindest wussten wir, war zu vermeiden. Endlich, da: Oceanfront Zen cottage on an acre of Malaekahana Beach. 45 minutes to Honolulu. Das klang doch ganz nach Paradies in unserm Sinne. War es dann auch, in hohem und höchstem Maße. Schon die Stimme am Telefon: Hello-oo? Süß, warm, lieb, ganz ohne das Los Angeles fake, das ich nicht ausstehen kann. Also los. Eine Stunde Küstenstraße, nochmal vorbei an Ka’a'awa mit seinem Strandpostamt und den Holzhütten von Punalu’u. Gib Gas, Herr Fotograf! Hier, Gunstock Farm, Telefonstange mit Mileage Marker 45, rechts die Düne rauf, hier links unter den Iron Pines, das musste es sein. Ein schwarzweiß gepunkteter Dalmatiner bellte sich die Seele aus dem Leib. Barking Buddha war uns schon aus dem Email bekannt. Mit feuchter Schnauze ging er auf meinen Hosenschlitz los, ich schob ihn weg, schnüffel die Weiber aus, du Aufreisser! Krisha empfing uns mit offenen Armen, drückte mich an ihren Busen, dass mir die Luft weg blieb. In achtzehn Monaten L.A. hatte mich, von meiner Frau abgesehen, bloß die Friseurin berührt, aber höchstens durch drei Schichten Plastik oder indirekt beim Stirnglatzenabstauben. Niemand aber, inklusive meiner Frau, hatte mich so beherzt an die Brust genommen wie diese texanische Stimmartistin, die jetzt gleich und sofort zur Aufnahme ins Studio in die Stadt musste, leider. Aber das mit dem hale iki ging in Ordnung. “Oh”, sagte sie in Richtung auf unsere Fragezeichengesichter, “hale iki ist Hawai’ianisch für kleines Haus. Hat George selber gebaut, in den 60ern, die Pläne hat er sich von einem Japaner zeichnen lassen, war wohl Architekt. Also, ich muss dann. Der Strand ist da vorn, gleich nach der Düne, hier sind Handtücher, und im Kühlschrank ist noch eine Flasche Wein, macht’s euch gemütlich.” – “Ja und das security deposit?” – “Ah ich bitt dich, das könnt ihr auch erledigen, wenn ihr einzieht.” Und schon war die Erscheinung weg. Ich kratze mich am Kopf, erinnerte mich an New York, als ich diese Zweizimmerwohnung mit den Erkerfenstern über den Dächern Chinatowns mieten und die dreitausend Kröten Kaution am nächsten Tag vorbeibringen wollte. Der Agent: “Put your money where your mouth is!” Ich verstand das damals gar nicht, meine nunmehrige Frau hatte mich aufklären müssen: “Er meint damit, dass er keine Minute auf dich warten wird. Wer zuerst mit der Kohle anrückt, bekommt die Bude, no matter what.” Was ein Unterschied! Wir besichtigten das hale iki, ganz aus Holz und vielleicht 60 Quadratmeter groß, vier kleine Pyramiden auf dem Dach, je eine über den vier Wohnquartieren, von denen die beiden vorderen zu einem kleinen grand salon zusammengefasst waren, die beiden hinteren als Küche und Badezimmer fungierten. Von der Terrasse konnte man auf den Pazifik sehen, also ein bissl zumindest und wenn man sich stark nach links verbog, der Rest war Palmen und Barking Buddhas Auslauf. Wir latschten zum Strand, menschenleer, so gut wie keine Zivilisationsreste. “Volltreffer”, sagte Kelly, “that’s it.”

Auf der Rückfahrt dann meine große Szene: “Ich führ dich noch zum Essen aus”, sag ich zu meiner Frau, “aber elegant”, während ich ihr mit dem Sparbuch von Neunzehnhundertacht-undneunzig, das ich zwei Wochen zuvor zufällig gefunden hab, Frischluft zufächle. Schon beim Hinflug hab ich versucht meinen Gewinn mit Zins und Zinseszins zu berechnen. Überschlagsmäßig, versteht sich, weil von Differential, Integral und ähnlicher Mittelschul-akrobatik ist nach drei Jahrzehnten Leben natürlich nichts mehr vorhanden. Ich bring’s aber nicht zusammen im Kopf, egal wie sehr ich mich bemüh und obwohl ich weiss, dass das meine Mamma sehr enttäuschen wird, wenn sie’s herausfindet. Ich weiss ja noch nicht ein mal, von welchem Prozentsatz ich ausgehen soll. Mein einziger Fixpunkt sind die Überzie-hungskosten auf dem österreichischen Konto, stolze zwölf Prozent. Genau so viel wie die kalifornischen Kreditkartenhaie uns Neuzuwanderern berechnen. Also, nochmal von vorn: acht Jahre zu sagen wir mal vier Prozent, ein bissl was muss ja für die Bank auch übrig bleiben, das sind allein schon mal vierundsechzig Dollar, und dann erst der Zinseszins, also acht mal eins komma null vier, das macht zweihundertsechzehnkommazweiundreißig im Jahr zwo, mal eins komma null vier, oh Gott, da kommt doch nie was zusammen, vielleicht wenn man den Zinseszins monatlich anrechnet oder täglich. Ich kann das aber höchstens schätzen, zwei Dollar vielleicht in acht Jahren? Was die immer angegeben haben mit ihrem Zinseszins, da hätt ich mir schon mehr erwartet. Aber da sind wir auch schon im Hauptgebäude der Bank of Hawai’i am Ala Moana Boulevard: ein Palast, der mit dem Bretterverschlag auf Big Island so gar keine Ähnlichkeit hat. Außen Lavafelswand zwanzig Meter hoch und drinnen ein echter, sprudelnder Wasserfall.

“Sorry sir”, sagt der Uniformierte mit melodischer Stimme, “this account is closed.” Ich krieg einen Hitzeschlagundherzanfall. Wie meint er das, kann er kein Englisch, spricht er am Ende nur Hawai’ianisch? Ist das alles ein böser Traum, der mich zurückzaubert into the most different country? Will er meine gaijin green card sehen oder soll ich gleich den Bankpräsiden-ten kommen lassen? “Lass ihn mal ausreden”, sagt meine Frau, die mich schon kennt. Und er: “Your account did not meet the minimum deposit for free checking. Therefore we had to bill you five dollar service charge every month. The account has now been empty for over a year. We closed it on, just a moment, here: July fifteen twothousendandsix.” Kelly lacht guttural in mein verdutztes Gesicht: “Oh my poor baby! Can I take you out for burgers?”, schlägt mir von hinten die Arme um die Brust: “Life is so unfair!” Ich lehne mich ein wenig in ihre Umarmung, stimme aus vollem Herzen zu.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>