Klaus Knoll

Literarische Autoethnografie

Kurze & Kürzeste

Zuletzt

Der Geruch aus dem Steffl war’s. So frisch, ganz Unschuld und nichts als Anfang, Ahnen, Rauschen. Ich hinein, nur diesen Duft atmen, blieb stehen bei den Jeans, bis ich bemerkte, dass die parfümiert sind. Da war’s gleich aus mit der Romantik. Beim Hinausgehen hab ich dem Bettler meinen letzten Doppeleuro zugesteckt, den für die Stadtbahn. Was für ein hoffnungsloser Fall, schwarz fahren mit zweiundvierzig! Hab fast auf den Kontrollor gewartet, ihm alles zu erklären und wie weit ein Doppelter reicht in Tibet, wenn man nicht als Touristin dort ist, sondern für immer. Auch wenn das immer in meinem Fall nur drei Monate gedauert hat. Obwohl der Rinpoche mich unbedingt behalten wollte, seine Vorzeigeausländerin. Aber da hatte ich schon genug. Es ging mir an die Nieren. Das Singen. Nicht das Sitzen. Nicht das Schweigen. Das am allerwenigsten. Schweigen kann ich gut. Das Singen hat mich wahnsinnig gemacht. Vier Mal am Tag die Stimmen aus dem Keller der Seele. Es hat mir alle Bilder der Hölle heraufbeschworen. Das Ärgste von allen war Lilliam, wie sie als endlose Reihe gekreuzigter Frauen brennend von Golgotha heruntersteigt. Das Gesicht platzt auf in Blasen, an den Händen zieht die Haut sich zusammen. Eine rasend sich verändernde Landschaft von braunen Flüssen und schwarzen Gebirgen. Tonlos schreiend schreitet sie den Hang herunter. Heute schau ich bloß zu und staune, das war der Tag der weißen Chrysanthemen, mir bangte fast vor seiner Pracht, wie die Lerche steig ich auf, und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen, tief in der Nacht fließt es mir durch Augen, Arme, Finger, verdichtet sich in Bilder, gequälte Kreaturen, Monster, die einander verschlingen, obwohl ich doch schon ewig Vegetarierin bin. Aber immer noch dieses Auge auf dem Teller, das mich anschaut: “Ist es dem Hecht jetzt recht, wenn er selber gegessen wird?”, hab ich gefragt, und der Großvater hat gelacht. Quer durchs Gasthaus hat es geschallt, mitten durch mein Herz. “In der Natur,” hat der Großvater oft gesagt, “gilt das Recht des Stärkeren.” Zu Hause auch. Aber sagen darf man es nicht. Man muss sich selber wegsperren, einrexen, in der Tapete verschwinden und aus dem Garten tastet zagend sich ein Rosenduft an unsrer Liebe Bett, auf das die Frühlingssonne jetzt ein Blätterschattenmuster hinzaubert, die Süße des Lebens selber. Störung im Feinstoffwechsel, hat der Reikimeister gesagt und hat Kräuter verschrieben. Was ist es nur, das mich alle drei Tage ins Bett drückt und dann fall ich in den tiefsten Schlaf und wach schreibend wieder auf? Das Schreiben die einzige Kur, seit der Großvater gestorben ist. Einzig schreibend erreich ich ihn noch, schreibend kann ihn ins Leben zurück befehlen, den Möchtegerngeneral, der krank aus dem Lager zurück kam und den Rest seines Lebens auf der Couch verbrachte, von wo aus er die Familie herumkommandierte, mitsamt seiner TB, die ihn auch nicht daran gehindert hat, mir unter den Rock zu greifen, wofür ich zumindest bis Tibet laufen musste, damit mir klar wird, dass ich in einer Runde älterer, grölender Männer nicht gut aufgehoben bin. Ich kann nur hoffen, dass ich nicht wegschlaf bevor ich fertig bin mit meinem Couchkommandanten. Und wenn ich in diesem Leben nicht mehr mit ihm fertig werd, wenn ich vorher gehen muss, dann will ich leicht und heiter gehen. So wie ich jetzt bin. Gelöst, gesungen will ich gehen. Wie Lilliam. Sie war so leicht. Wie ein Vogel schon. Sie hatte ihren Abgang geplant, nach der zweiten Runde Chemo, hatte den Infekt im linken Auge nicht versorgen lassen. Was ich mir den Mund fusslig geredet hab, die ganze Woche. “Geh raus, ich brauch meine Ruhe”, hat sie gesagt. Jeden Tag: “Ich kann jetzt nicht.” Sie wusste genau, dass ich dem Ruhegebot nicht widersprechen konnte. Am Sonntag war’s ihr endlich recht. “Gemma in die Onkologie” hat sie gesagt, aber da wusste ich in mir drinnen schon, dass sie da nicht mehr heraus kommen wird, und saß die ganze Nacht und las ihr vor aus dem Konsalik, das einzige was ich greifen konnte im Wartezimmer und las immer weiter blinden Auges und immer wieder hat meine Stimme sich erhoben auf geheimem Waldespfade schleich’ ich gern im Abendschein, ins Singen erhoben, flügelleicht und ohne jede Scham hab ich ihr den Schnulzenroman praktisch vorgesungen, hab zum ersten Mal seit Großvatertagen meine Stimme wieder gezeigt, bis nach Mitternacht, als Liliam schon ganz durchsichtig war und die Krankenschwester mich rein holte und mir sagte, dass es jetzt nicht mehr lang dauern wird. Dass Lilliam mich hat dabei sein lassen. Sie der erste Mensch, den ich gesehen habe beim letzten Atemzug. Wie lieb ich dich hab, immer nur das eine brachte ich heraus. Derweilen sie mir sogar die Angst genommen hat, geteilt noch den letzten Moment mit mir, als der große Graue sie holte, der selbe, der sich neulich in der U-Bahn neben mich setzte, ungerührt in mein Traumtagebuch starrte mitlesenderweise, obwohl ich das überhaupt nicht wollte. Was für ein unhöflicher Kerl. Der mit seinem grauschwarzen Fischgrät. Feinste Wolle. Wie viel Seelen der schon verschluckt hat. Und jetzt Lilliam. Leicht wie ein Vogel flog sie davon, ließ mich beschenkt zurück. Zu wissen, dass eine auch hell und friedlich gehen kann nach all den Kämpfen, oh schließe mir die Augen beide, keine Ahnung hatte ich vor Lilliam. Aber jetzt ist alles anders, jeder Tag der letzte und alles hat wieder dieses Strahlen, diesen blauen Rand aus Licht, wie bei Hernando, als wir von der violetten Frucht essen mussten. Wie das Licht erlosch in ihren Augen, langsam, die Seele hatte sich noch nicht ganz vom Körper gelöst, ich konnte sie spüren in der Zimmerecke über dem Notfallaggregat, dort wabbelte sie. Ich in Tränen konnte meinen Blick nicht wenden, muss immer Zeugnis geben, noch einmal atmen diesen kostbaren, seltsamsten Moment, als Lilliam ging, wie ihre Augen matt wurden und grau, dann nochmals matter und eine Spur dunkler, ein bisschen heller zuletzt, da sind in Hall und Wiederhall die Rosen aufgesprungen.

***

Liedtexte: Alban Berg, Sieben Frühe Lieder
Rainer Maria Rilke: Traumgekrönt
Otto Erich Hartleben: o.T. (Liebesode). Meine Verse 1883-1904
Nikolaus Lenau: Gedichte. Erstes Buch, Sehnsucht, Schilflieder, no. 3
Theodor Storm: Die Nachtigall

1. Preis bei der  9. Bonner Buchmesse Migration.
Veröffentlicht in:
Zwischenwelten. Anthologie der 9. Bonner Buchmesse Migration. Free Pen, Bonn

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